Kritik zu Sprache: Sex

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2015
Original-Titel: 
Sprache: Sex
Filmstart in Deutschland: 
10.09.2015
Sch: 
L: 
80 Min
FSK: 
16

Saskia Walker und Ralf Hechelmann montieren in ihrem Dokumentarfilm ­Gespräche über Sex und alles, was dazugehört, zu einem anregenden Essay

Bewertung: 3
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Der 13-Jährige hat davon gehört, dass es wie Schlafen, Essen und Trinken zu den menschlichen Grundbedürfnissen gehört. Der Mittfünfziger zitiert Forschungen, dass keinen Sex zu haben die Lebenszeit eines Menschen um fünf Jahre verkürze. Die Frau mit 30 meint, dass es ihr einfach nicht so wichtig sei. Wenn es eine Lehre gibt, die man aus dem Dokumentarfilm »Sprache: Sex« von Saskia Walker und Ralf Hechelmann ziehen kann, dann die, dass wenn von Sex die Rede ist, jeder von etwas anderem spricht. Und es ist genau diese Vielstimmigkeit, die Sprache: Sex zu einem so spannenden Essayfilm macht.

Sex ist zwar längst nicht mehr das Tabuthema, über das in der Öffentlichkeit nicht gesprochen werden dürfte. Aber, wie jemand gleich zu Beginn des Films einwendet: Wenn man die Leute fragt, wie viel Sex sie haben und wie sie ihn erleben, sagen sie dann die Wahrheit?

Der Film selbst liefert diesbezüglich das beste Anschauungsmaterial: Menschen neigen zum Ausschmücken und Drumherumreden, sie zitieren lieber Luther und Augustinus, philosophieren über den Menschen und den Mann und die Frau  an sich – statt wirklich vom eigenen Intimleben zu erzählen. Doch den beiden Filmemachern muss es gelungen sein – viele der Protagonisten machen den Eindruck, als gehörten sie zum Freundeskreis –, ein so großes Vertrauen zu den Befragten herzustellen, dass die meisten schließlich doch auf eine Weise ehrlich werden, die in den üblichen Fernsehfeatures zum Thema undenkbar ist. Weil sie die Aussagen und Antworten zu einer nur locker thematisch sortierten Collage zusammenschneiden, entsteht aus der Mischung von all dem Groß-Daherreden und den vielen kleinen, ehrlichen Bekenntnissen etwas, das völlig frei ist von den üblichen Peinlichkeiten. Stattdessen regt Sprache: Sex zum Überdenken mancher für Wissenschaft gehaltenen Erkenntnis an. Sind es tatsächlich immer die Frauen, die weniger Sex wollen? Sind die Männer fantasielos, weil sie ­Pornos schauen? Sind alle langjährigen Beziehungen dazu verurteilt, sexlos zu werden?

Das Schöne ist auch, dass die Filmemacher gar nicht erst versuchen, definitive Antworten zu erhalten. Ganz der Dokumentarfilmkonvention entsprechend hört man keine der Fragen, die sie ihren Protagonisten gestellt haben. Aber als deutliches Zeichen dafür, dass dies ein Kommunikationsprozess mit einem konkreten Gegenüber ist, halten die Antwortenden oft sichtbar das Mikrofon in der Hand. Manch direkte Reaktion auf sich als Filmende haben Walker und Hechelmann im Schnitt drinbehalten, manches Mal sieht man die Protagonisten innehalten und nach Worten ringen, aber immer erfolgt der Wechsel von Aussage zu Aussage so schnell, dass für voyeuristisches Betrachten keine Zeit bleibt. Tatsächlich hätte man als Zuschauer an mancher Stelle gerne mehr gehört. Aber vielleicht befragt man dazu besser die eigenen Freunde. »Sprache: Sex« in jedem Fall macht Mut zu mehr Ehrlichkeit und zur Erforschung eines Gebiets, das sich durchs Besprechen wenn nicht erfassen, so doch einkreisen lässt.

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