Kritik zu Like Someone In Love

© Peripher Filmverleih

2012
Original-Titel: 
Like Someone In Love
Filmstart in Deutschland: 
27.02.2014
L: 
109 Min
FSK: 
6

 Abbas Kiarostamis zweiter außerhalb des Irans gedrehter Spielfilm führt an einem einzigen Nachmittag eine junge Studentin, die als Callgirl arbeitet, ihren Freund und einen pensionierten Professor zusammen

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 4)

Like Someone in Love hätte auch der Titel von Abbas Kiarostamis letztem Film Copie Conforme (Die Liebesfälscher) lauten können. Der Schlüsselbegriff ist hier nicht etwa die »Liebe«, obwohl romantische Vorstellungen und Verwicklungen in beiden Filmen ein zentrales Handlungselement darstellen, sondern das unscheinbare Wort »Like«. Ein Distanzierungsversuch gewissermaßen, wie er für den Naturalismus des Skeptikers Kiarostami von Beginn an stilbildend war. Dieses »Als ob« stößt in seinen beiden letzten Filmen – die ers­ten, die er außerhalb des Irans drehte – einen alltagsphilosophischen Diskurs an, der das ganze Repertoire an zwischenmenschlicher Kommunikation ausschöpft. Like Someone in Love wiederholt die Konstellation des Rollenspiels aus Copie Conforme in einer abgemilderten Variante der Selbstbefragung, die vor der hektischen Kulisse Tokios eine schöne Beiläufigkeit erlangt und die meisterliche Souveränität einer stilistischen Übung ausstrahlt, die nie zum Selbstzweck verkommt.

Schon die Eröffnungssequenz ist ein formidables Beispiel dafür, wie genau Kiarostami durch die sorgfältige Konstruktion von Realität menschliche Beziehungen und soziale Milieus zu analysieren versteht. In den ersten Minuten von Like Someone in Love zeigt die Kamera ein japanisches Café, aus dem Off hört man minutenlang ein junges Mädchen telefonieren und dabei zunehmend verzweifelter auf ihren Freund einreden. Zu sehen ist hingegen ihre Freundin, die während des Gesprächs permanent die Plätze wechselt, während im Hintergrund ein älterer Herr mit den Gästen beschäftigt ist. Er wird erst nach zehn Minuten als Akteur in die Geschichte eintreten und die spärlichen Informationen über das Mädchen Akiko noch einmal relativieren: Die Studentin arbeitet nebenher als Callgirl, sie hat also gute Gründe für die Heimlichtuerei am Telefon.

Akiko spielt in Like Someone in Love gleich mehrere Rollen: Studentin, Freundin, Prostituierte und in der bewegendsten Szene des Films auch die der schlechten Enkelin, die eine Verabredung mit der Großmutter schwänzt, während sie im Taxi den enttäuschten Nachrichten der alten Frau lauscht. Sie befindet sich auf dem Weg zum nächsten Freier, dem pensionierten Universitätsprofessor Takashi, der eher auf ein Abendessen als auf gekauften Sex aus ist. Auch ihr Verhältnis wird sich verkomplizieren, als Akikos Freund Noriaki, der sich für ihren Verlobten ausgibt, Takashi bei einer zufälligen Begegnung für den Großvater des Mädchens hält. Der geht auf das Spiel ein, doch je länger die drei in ihren Rollen bleiben, desto komplizierter wird es, die Täuschungen aufrechtzuerhalten.

Kiarostami verfolgt mit dieser spielerischen Anordnung keinen tieferen Erkenntnisgewinn, er begnügt sich lediglich damit zu beobachten, wie sich Menschen in einer zunehmend verfahreneren Situation verhalten. Seine Inszenierung behält dabei stets eine Ungezwungenheit, auch weil Kiarostami das Off des Bildes immer wieder beiläufig in die Handlung einbindet. Aus diesem Erzählfluss heraus entwickelt Like Someone in Love einen prägnanten, auf wunderbare Weise auch offenen Realitätssinn.

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