Kritik zu Schwarze Milch

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Wessi und Ossi, das sind bei Uisenma Borchu zwei entfremdete Schwestern, deren Gegensätze auf den zweiten Blick eher Ergänzungen sind 

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Denkt man an die Mongolei, denkt man an Jurten und Ziegen, die von Hand geschlachtet werden. Beide Elemente sind in Uisenma Borchus »Schwarze Milch« vorhanden. Es geht darin jedoch weniger um die Besinnung auf einen ursprünglichen Lebensstil als um das Aufeinandertreffen zweier Frauen mit unterschiedlichen kulturellen Prägungen. Der Film beginnt in Deutschland. Eine junge Frau mit mongolischen Wurzeln fährt nach vielen Jahren der Trennung zu ihrer Schwester in die Mongolei. Die Entscheidung kostet sie Mut und Überwindung – den Mut, den man braucht, um einem verdrängten Teil seines Selbst zu begegnen. Die Reise führt über die Hauptstadt Ulaanbaatar in die Abgeschiedenheit der mongolischen Steppe. Dort lebt die östliche Schwester – Ossi – in einer Jurte. Die langsame Annäherung der beiden Frauen ist von Anfang an voller subtiler Spannung, die immer wieder zu kleinen Eruptionen führt.

Wessi, die Zurückgekehrte, trägt elegante Kleidung, die für ein Jurten-Leben kaum geeignet erscheint. Beim Geschmack des selbst gemachten Rahms schwelgt sie in Kindheitserinnerungen, während ihre Schwester zum Frühstück den Gaumen aus einem Ziegenkopf heraustrennt und genüsslich verspeist. Ossi lebt traditionell, ist sich aber der westlichen Maßstäbe ihrer Schwester bewusst. Sie ärgert sich, dass ihr Mann sie zuweilen tagelang mit der Arbeit alleine lässt, um sich mit seinen Kumpels zu vergnügen. Aber dass ihre Schwester sie deshalb für unemanzipiert hält, bringt sie auf. Auch, dass Wessi zu glauben scheint, die vielen Jahre der Trennung könnten durch einen kurzen Besuch überwunden werden. Ossi und Wessi sind wie zwei Hälften einer zerrissenen Persönlichkeit, die wieder zusammenfinden sollen.

Neben den Spannungen gibt es zwischen den Schwestern auch eine Faszination für die jeweils andere. Wessi ist ihre Lust an der Provokation von Anfang an anzumerken. Sie beantwortet Fragen nach Mann und Kindern in Deutschland mit provokanten Gegenfragen. Als sie dem Nachbarn Terbisch begegnet – einem unverheirateten Außenseiter – erkennt sie in ihm ihren Gegenpart. Sie ignoriert die Konventionen und geht dem Begehren nach. Und sie ruft mit ihrem Verhalten auch bei Ossi ein neues Begehren wach, das in der Einsamkeit der Jurte in Vergessenheit geraten war. Nun zelebriert sie ihre Weiblichkeit, indem sie in wertvoller Stutenmilch badet wie Kleopatra – eine Zeremonie, die sie noch kurz davor gegenüber ihrer Schwester als dekadent ablehnte.

»Schwarze Milch« zelebriert die Kraft der Frauen. Er zeigt, wie die Schwestern sich aneinander reiben und zugleich gegenseitig inspirieren. Die Jurte, in der sie zusammenleben, ist kein Ort der Bewahrung des Traditionellen. Ihre Türe muss immer offenbleiben, insistiert Ossi, als sich eines Nachts ein unbekanntes Auto nähert. Sie zu verschließen, zieht das Böse an. Das Böse kommt trotzdem, ob es sich nur in der Fantasie der Schwestern ereignet, ist nicht ganz klar. Doch weil die Türe der Jurte immer offenbleibt, ist sie auch ein durchlässiger Raum, ein Raum des Austauschs, in dem Veränderung möglich ist.

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