Kritik zu Ricki – Wie Familie so ist

© Sony Pictures

2015
Original-Titel: 
Ricki and the Flash
Filmstart in Deutschland: 
03.09.2015
L: 
99 Min
FSK: 
6

Spöttische Seitenhiebe gegen Hipstertum und Bourgeoisie: Unter Jonathan Demmes Regie läuft Meryl Streep als alternde Rock’n’Rollerin zu Bestform auf – mit Tochter Mamie Gummer an ihrer Seite

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Zugegeben, die Story von »Ricki - Wie Familie so ist« klingt nach dem »same old song«: Die Titelfigur Ricki (Meryl Streep) ist eine alternde Rocksängerin, die eigentlich Linda heißt und ihre Familie vor Jahrzehnten für eine Musikkarriere im Stich ließ. Inzwischen sind die großen Träume längst kleinen Auftritten in einer schäbigen Bar im San Fernando Valley gewichen. Eines Tages reißt ein familiärer Notruf die abgehalfterte Mittfünfzigerin aus ihrem Trott, woraufhin sie nach Indianapolis fährt, ins Haus ihres wohlhabenden Exmannes Pete (Kevin Kline), um ihrer aus Liebeskummer suizidalen Tochter Julie (Streep-Tochter Mamie Gummer) beizustehen. Die beiden haben sich allerdings seit Jahren nicht mehr gesehen und Julies Hass auf ihre selbstsüchtige Mutter ist fast so groß, wie der Zorn auf ihren treulosen Mann.

Die Frage, ob Linda sich mit ihrer Tochter und dem Rest ihrer entfremdeten Exfamilie versöhnen wird, ist natürlich rein rhetorischer Natur. Aber darum geht es nicht. Was den Film besonders macht, ist der Weg dorthin und wie es den Machern dabei immer wieder gelingt, die Erwartungen einerseits zu bedienen und zugleich mit schönen Details zu überraschen – vom Familienkrach im vollbesetzten Nobelrestaurant bis zur Konfrontation zwischen Ricki und Petes zweiter Frau verlaufen die meisten Standard-Schlagabtausche ein klein wenig anders, als man denkt.

Die Sensibilitäten von Drehbuchautorin Diablo Cody und Regisseur Jonathan Demme ergänzen sich dabei aufs Trefflichste. Die Schärfe und der manchmal überdeutliche politische Fingerzeig in Codys Dialogen werden von Demmes Inszenierung aufs Richtige Maß gebracht; umgekehrt verhindern Codys spöttische Seitenhiebe gegen Hipstertum und Bourgeoisie, dass Demmes Versöhnlichkeit in die Konturlosigkeit abgleitet.

Dennoch ist der Film vom inkludierenden Humanismus des Regie-Altmeisters geprägt. In klug-humorvoller Weise bringt Demme die drei zentralen amerikanischen Filmfamilien-Bilder zusammen: Die altmodische Bilderbuchfamilie von Pete und seiner neuen Frau, die dysfunktionale Familie mit Linda und ihren erwachsenen Kindern sowie das Motiv der Ersatzfamilie in Form von Lindas bzw. Rickis treuer Rockband namens »The Flash«. Die für Hollywood-Verhältnisse höchst ungewöhnliche Tatsache, dass Petes neue Ehefrau Maureen Afroamerikanerin ist, wirkt dabei ebenso selbstverständlich (und wird nie thematisiert), wie die anderen multiethnischen Beziehungen des Films.

Auch dass Linda sich trotz Außenseiter­attitüde und schwulem Sohn als erzkonservativ erweist, gehört für Demme und Cody zu den alltäglichen Widersprüchlichkeiten des Lebens: »Ich wurde schwul geboren!«, belehrt ihr verständnisloser Sohn sie im Streit, worauf sie entwaffnend zurückblafft: »Und ich wurde als Ricki geboren!«. Wenn solche hintersinnigen Provokationen der Sympathie für Linda keinen Abbruch tun, ist das auch dem exzellenten Spiel von Meryl Streep zu verdanken: Die Schauspielikone legt ihre üblichen Manierismen komplett ab; in vulgärem Schmuddeloutfit und mit abgerockter Frisur agiert sie so natürlich, wie seit Jahren nicht mehr. Sogar wenn Ricki unangenehm daneben liegt, macht Streep auf subtile Weise spürbar, dass bei dieser Frau alles von Herzen kommt.

Das gilt insbesondere auch für die authentisch wirkenden Auftritte von »Ricki and The Flash«. Jonathan Demme hat Konzertfilm-Klassiker über die Talking Heads und Neil Young gedreht, als Rickis Bandmitglieder besetzte er durchweg echte Musiker, darunter Neil Youngs Exbassisten Rick Rosas, den Talking Heads-Keyboarder Bernie Worrell sowie den einstigen Teeniestar Rick Springfield als Gitarristen und Rickis fürsorglichen Lebenspartner. Es sind nicht zuletzt solche schönen, filmisch-autobiografischen Details, wie auch die Besetzung von Meryl Streeps echter Tochter als ihre Filmtocher, die »Ricki and The Flash« eine besondere Note verleihen. Manchmal braucht es gar nicht viel, um aus einem vermeintlichen Allerweltsstoff etwas sehr Persönliches zu machen.

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