Kritik zu Nulpen
Zwei Mädchen driften an einem Sommertag durch Berlin – zwischen alltäglichen Herausforderungen und existenziellen Zukunftsängsten
Allerorten erobern sich Mädchen und Frauen Bereiche, die lange Jungs und Männern vorbehalten waren. So erzählt Sorina Gajewski in ihrem Spielfilmdebüt »Nulpen« auf erfrischende Weise mal nicht von planlosen Jungs, von männlichen Slackern, sondern von zwei jungen Frauen, »Nulpen«, die sich an einem heißen Berliner Sommertag treiben lassen, in einem Film, der in gewisser Weise ein weibliches Pendant zu Jan-Ole Gersters »Oh Boy« ist. Dass das so gut funktioniert, ist vor allem den beiden Darstellerinnen Bella Lochmann und Pola Geiger zu verdanken, die sich mit so umwerfend gelangweilter Rotzigkeit durch Straßen, Parkanlagen, Spielplätze und Wohnungen treiben lassen, dass man die Augen nicht von ihnen nehmen kann. Und dem feinen Gespür der Regisseurin, die das Lebensgefühl zwischen Stagnation (Was tun mit dem Leben?) und Dringlichkeit (die Klimakrise) mit betörend beiläufiger Leichtigkeit einfängt.
So schlendern Nico und Ramona durch die Stadt, sie kicken eine Dose über den Asphalt, hängen auf dem Balkon ab, daddeln auf dem Sofa am Handy, spielen Karten, bestellen Lieferpizza, die sie nicht bezahlen können. Sie verwickeln den Besitzer des kleinen Lädchens, der sie nicht mehr anschreiben lassen will, in ein Geplänkel über Silberfischchen, Spinnen, Wespen und Ninja-Superheldinnen. Die zarte Andeutung einer Handlung entsteht, als Nico eine Steinschleuder spannt und im Haus gegenüber eine Scheibe klirrend zerbrechen lässt. Der Nachbar zeigt Verständnis, »bestimmt seid ihr frustriert, unmotiviert, ohnmächtig, fühlt euch im Stich gelassen oder schwach, oder so, ging mir genauso …«. Zur Sinnstiftung verordnet er den Mädchen die Sorge für seinen kleinen Vogel, ein riskantes Unterfangen, denn alsbald entlassen sie ihn in wortlos lässiger Übereinkunft in den Himmel über Berlin. So beginnt eine sanfte Dynamik von Flucht (vor den Sanktionen des Nachbarn und der Mutter) und Verfolgung (auf der Suche nach dem kleinen Vogel), während sich auf den Straßen die jungen Klimaaktivisten empören: Warum sie eigentlich nichts für die Rettung der Welt täten, fragt Ramonas kleiner Bruder Noah. Die Mädchen zweifeln daran, dass sich die Welt noch retten lässt: no future 2025. Als ein paar Jungs ihren Bruder drangsalieren, verteidigen sie ihn: »Was ist los bei euch?«, frotzelt die Schwester, »hat mein Bruder euch beim Gruppenwichsen erwischt?« Die Jungs können es nicht fassen, dass sie keine Angst vor ihnen hat: »Guck dich mal an, du Lappen!«
Zwischen Nähe und Distanz, Bewegung und Stillstand findet Sorina Gajewski eine fragile Balance, in der der Zauber schillernder Riesenseifenblasen und jazziger Trompetenklänge der Straßenmusiker fließend in die Ernüchterung über den Zustand der Welt und die Aussichten für die Zukunft übergeht. Nichts wirkt ausgestellt und vorgeführt, alles scheint in größtmöglicher Selbstverständlichkeit einfach so zu passieren, eingefangen in fast dokumentarisch anmutender Wahrhaftigkeit: immer zugleich einfach und kostbar, wie der Blick auf die Welt durch das Loch in einer Toastbrotscheibe.




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