Kritik zu Nowhere Boy

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Mehr als die Geschichte eines Songs: Die Fotografin und Videokünstlerin Sam Taylor-Wood erzählt in ihrem Spielfilmdebüt von John Lennons frühen Jahren zwischen Mutter Julia und Tante Mimi

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Das Ende ist ein Aufbruch, und dazu ertönen zum ersten Mal auch John Lennons und Paul McCartneys eigene Stimmen. Auf diesen Moment, in dem Lennons »Mother« auf der Tonspur einsetzt, läuft alles hinaus. Schließlich erzählt das Spielfilmdebüt der Filmemacherin, Fotografin und Videokünstlerin Sam Taylor-Wood zumindest vordergründig einfach die Geschichte hinter diesem berühmten Song. Die Traumata der Kindheit und Jugend müssen nur erst einmal durchgestanden sein, dann werden sie zum Material, aus dem der Künstler später noch auf ewig schöpfen kann.

Genau diesem psychologisch so simpel gestrickten Muster folgten unzählige Musiker- und Künstlerfilme der letzten Jahre. Seine Macht ist ungebrochen, und so konnte es sich mittlerweile zu einem Prokrustesbett für ein ganzes Genre entwickeln. Sich ihm gänzlich zu entwinden, ist selbst Sam Taylor-Wood nicht gelungen. Aber letztlich wollte sie das wohl auch gar nicht. Dafür hat es sich das Drehbuch von Matt Greenhalgh, der schon die Vorlage zu »Control«, Anton Corbijns Porträt des Joy-Division-Frontmannes Ian Curtis, geliefert hat, in dieser Bettstatt einfach zu bequem gemacht. Offene Rebellion war allerdings noch nie Sam Taylor-Woods Sache. Schon ihre Foto- und Videoarbeiten, mit denen sie seit Mitte der 90er Jahre für Aufsehen in der Kunstszene gesorgt hat, suchten einen möglichst vielstimmigen Dialog und keinesfalls den offenen Bruch mit dem Vergangenen.

Zuletzt erklingt zwar »Mother« – aber die direkten Linien, die von John Lennons Jugend hin zur Pop-Ikone führen, streift Sam Taylor-Wood nur marginal. Natürlich erzählt sie von dem Moment, in dem der junge, von Elvis berauschte Lennon (Aaron Johnson) beschließt, Rockstar zu werden, und zusammen mit einigen seiner Freunde und Mitschüler die Skiffle-Band »The Quarrymen« gründet. Und auch die ersten Begegnungen mit Paul McCartney und George Harrison dürfen selbstverständlich nicht fehlen. Trotzdem spielen Lennons erste Schritte als Musiker in »Nowhere Boy« höchstens die zweite Gitarre. Im Vordergrund steht das überaus komplexe Beziehungsgeflecht, in dem sich er, seine Mutter Julia (Anne-Marie Duff) und deren ältere Schwester Mimi (Kristin Scott-Thomas) heillos verfangen haben.

So wie Sam Taylor-Wood den aufmüpfigen, sich selbst für ein Genie haltenden Jugendlichen, seine unstete Mutter, die ihn verließ, als er fünf war, und seine emotional sehr distanzierte Tante, die sich seither um ihn gekümmert hat, in Szene setzt, trägt ihr gemeinsames Verhältnis ganz deutlich die Züge einer Ménage à trois. Wenn Julia und John ausgelassen über den Pier von Blackpool laufen, wenn sie in einem Fish'n'Chips-Restaurant mit ihm spielerisch flirtet oder sich auf einer Couch eng an ihn schmiegt, schwingt sogar ein leichter inzestuöser Unterton mit.

Nur geht es Sam Taylor-Wood dabei keineswegs um skandalöse Enthüllungen. In diesen kurzen mit dem Tabuisierten kokettierenden Szenen kommt eine ungeheure Freiheit zum Ausdruck. Sie sind in ein geradezu magisches Licht getaucht und stoßen für Momente die Türen zu einer sich dem Bürgerlichen entziehenden Utopie auf. Was auf den ersten Blick inzestuös wirkt, ist in Wahrheit ein Hauch der Unschuld und Unbekümmertheit, nach der sich neben Julia auch Mimi und John verzehren. Aber nur die unkonventionelle Rothaarige kann sie tatsächlich für einige viel zu kurze Augenblicke leben. Dafür muss sie in ihren schwarzen Stunden jedoch einen hohen Preis zahlen.

Dem 17-jährigen John Lennon bleibt schließlich nur die Flucht auf die Liverpooler Kunsthochschule und in eine eigene Wohnung. Jede der beiden grundverschiedenen Schwestern wirft einen enormen Schatten, aus dem er sich kaum lösen kann. So ähnlich ergeht es beinahe auch Aaron Johnson. Kristin Scott-Thomas und Marie-Ann Duff entfachen ein derartiges Feuerwerk der Haltungen und Emotionen, dass er sich nur mit Mühe behaupten kann. Aber dafür schenkt ihm Sam Taylor-Wood einige kleine Szenen alleine, in denen er regelrecht aufblüht. So wird aus dem Porträt des Künstlers als junger Mann schließlich ein ganz eigenständiges Kunstwerk, das nicht nur John Lennon, sondern auch das Liverpool der 50er Jahre in einem ganz neuen Licht erstrahlen lässt.

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