Kritik zu No Place on Earth – Kein Platz zum Leben

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In der Ukraine verstecken sich zwei jüdische Familien während des Zweiten Weltkriegs mehr als 500 Tage in einer Höhle vor den Nazis. Regisseurin Janet Tobias kehrt mit Nachkommen und Überlebenden an den Ort des Geschehens zurück

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Vielleicht muss man sein Lehrgeld wirklich beim Fernsehen verdient haben, um auf die Idee zu kommen, den Überlebenskampf einer Gruppe jüdischer Flüchtlinge als Höhlengleichnis zu inszenieren. Als besäße dieses Schicksal nicht auch ohne eine solche Mythifizierung genug Symbolkraft. In No Place on Earth – Kein Platz zum Leben erzählen einige alte in der Ukraine geborene Frauen und Männer eine ungeheuerliche Geschichte: wie sie mit ihren Familien vor den heranrückenden Nazis in eine nahe gelegene Höhle flohen und sich dort fast anderthalb Jahre versteckten. Als die Gruppe im April 1944 nach über fünfhundert Tagen wieder ans Tageslicht zurückkehrte, hatte in ihrem Heimatort Korolowka kein einziger Jude überlebt.

Die Frauen und Männer erzählen diese bewegende Geschichte in nahezu vollkommener Dunkelheit, ihre Gesichter sind vom Kerzenschein schwach ausgeleuchtet. Nun ist die Wahl eines solch abgeschmackten erzählerischen Mittels nicht einmal sonderlich schlecht oder verwerflich. Es zeugt nur von einer erbärmlichen Mittelmäßigkeit, wie sie in den vorformatierten Geschichtsprogrammen von Fernsehsendern inzwischen gang und gäbe ist. Die Höhlensymbolik ist nicht der einzige formale Fehlgriff, den sich die langjährige Nachrichtenproduzentin Janet Tobias mit No Place on Earth leistet. Auch das »Re-Enactment« fehlt nicht, das Nachspielen von Szenen, und eine gleichförmige musikalische Untermalung, die die Geschichte der Familien Stermer und Wexler endgültig auf Fernsehnormalmaß stutzt.

Man muss nicht einmal überzeugter Anhänger eines Claude Lanzmann sein, um sich an Tobias’ Umsetzung zu stören. Auch Lanzmann hat die Überlebenden des Holocaust in Shoah inszeniert –gewissermaßen als therapeutische Maßnahme hat er sie an die Orte des Schreckens zurückgeführt. Wenn am Ende von No Place on Earth die inzwischen knapp 80-jährigen Brüder Saul and Sam Stermer zusammen mit dem Höhlenforscher Christopher Nicola erstmals wieder in die Priestergrotte, die zu einem Fixpunkt ihrer Familiengeschichte geworden ist, hinabsteigen, ist noch etwas von diesem Unbehagen zu spüren, das langsam einer heilsamen Erleichterung weicht.

Aber No Place on Earth entwickelt zu keinem Augenblick ein Verständnis für die harschen Gegensätze dieser Landschaft: den sicheren Rückzugsort einer eigentlich menschenunwürdigen Höhle und die feindlichen Wälder, in die die Überlebenden immer wieder heimlich zurückkehren müssen, um sich Proviant zu beschaffen. Die Höhle bleibt ein Ort des mythischen Raunens. Dabei erweisen sich sowohl Saul als auch Sam Stermer als großartige Geschichtenerzähler. Man hätte ihnen einfach nur zuhören müssen und die Landschaft für sich sprechen lassen sollen. Doch Tobias vertraut ihrer Geschichte nicht. Für No Place on Earth hat sie sich Verstärkung aus Hollywood geholt, den Kameramann von Fernando Meirelles und den Cutter von Resident Evil und Wolkenatlas. »Wir sind keine Helden«, sagt einer der Brüder gegen Ende des Films. »Wir sind Überlebende.« Die Regisseurin hat diesen Unterschied nicht verstanden.

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