Kritik zu Nice Places To Die

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Im neuen des Film des früh verstorbenen Filmemachers Bernd Schaarmann geht es – anders als der Titel vermuten lässt – weniger um die Sterbenden selbst als um den Umgang der Lebenden mit ihren Überresten

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Die Toten scheinen in westlichen Gesellschaften zunehmend aus dem Alltag der Lebenden verschwunden. Selbst Leichenwagen sind kaum noch zu sehen. Auf den Friedhöfen ist durch behördliche Verordnung jede nicht »besinnliche« Tätigkeit als unangemessen untersagt. In vielen Kulturen rund um den Erdball ist das anders, und die Behausungen von Lebenden und Toten liegen eng oder ganz direkt beisammen – aus religiösen, ökonomischen oder auch ganz anderen Gründen.

Der Filmemacher Bernd Schaarmann ist selbst Abkömmling einer Bestatterfamilie aus dem Ruhrgebiet, deren Leben er 2006 in dem Dokumentarfilm Leben und Sterben in Castrop-Rauxel in humoristischen Tönen beschrieb. Jetzt geht er auf Reisen fern der Heimat, um in drei Regionen der Welt unterschiedliche Praktiken des Umgangs mit den irdischen Totenreichen zu besuchen: die berühmte Totenstadt von Kairo, wo auf teils uralten Gräbern seit Jahrzehnten ein quirliger Stadtteil existiert. Manila, wo viele Arme den Friedhof als Wohn- und Arbeitsort den Slums vorziehen, weil das Leben in den dortigen Mausoleen weniger kostet und auch sichererer ist. Und die Toraja in einem idyllischen Landstrich der indonesischen Insel Sulawesi, deren aus europäischer Sicht bizarrer Totenkult sie zu einer Touristenattraktion gemacht hat. Denn die Toraja leben nach ihrem Tod noch Jahre mit ihren einbalsamierten Verstorbenen zusammen, um sich langsam an den Abschied zu gewöhnen. Erst dann werden sie in einer prächtigen Zeremonie beigesetzt.

Leitfigur im Film ist ein »Begleiter« aus Buenos Aires, der die Leichen Verstorbener in seinem weißen Kastenwagen quer und längs durch Argentinien zu ihren Herkunftsorten bringt. Das bringt ein bisschen Roadmovie-Gefühl in den Film, der seine Schauplätze sonst zwar visuell attraktiv in Szene setzt, im Detail aber aus vielen langbrennweitigen Einstellungen eher impressionistisch montiert ist. Das gibt ein Gefühl der Orientierungslosigkeit, verstärkt durch die große Anzahl an Personen und ein flächendeckendes Voice-over, das nicht nur die Stimmen der Einzelnen, sondern auch den spezifischen Klang der Sprachen verschwinden lässt. Dazu kommt ein suggestiv vorgetragener Kommentar aus Autorenperspektive (»Wie fühlt sich das an, mit dem Tod hautnah auf Du und Du? Das möchte ich herausfinden«).

Der stammt aber nicht unbedingt aus der Hand des Filmemachers. Denn Bernd Schaarmann selbst starb völlig unerwartet mit erst 46 Jahren im Oktober letzten Jahres und konnte so die Uraufführung seines Films beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken im Januar nicht mehr begleiten. So weiß man nicht, für welche der ästhetischen Entscheidungen er noch selbst verantwortlich zeichnet. Es bleiben einige beeindruckende Orte, viele eher flüchtige Bekanntschaften und ein deutlich religiös angehauchtes Plädoyer für einen anderen Umgang mit dem Tod.

Meinung zum Thema

Kommentare

29.11.2015 im CINEMA Wuppertal:
schöne Bilder, schöne Kinder,
beeindruckend friedlich und scheinbar aggressionsfrei das Leben auf den Friedhöfen... zu schön geschnitten... die vorgestellte Armut mit den edlen Armen und wahrhaft Mühselig und Beladenen.
Zu langatmig und mit einem grauenhaft - oft kitschigem - Klangteppich zu den Landschaftsaufnamen. Eine Zumutung diese scheinbare Notwendigkeit grandiose Landschafteindrücke zu vertonen. Mag die Regisseurin doch auf die bildnerische Kraft der Kamera vertrauen.
Überflüssig der englischsprachige Titel!
Mit nachdenklichden Grüßen
Boris Meissner

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