Kritik zu Morris aus Amerika

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Nichts Weltbewegendes, nur kleine, wahrhaftige Nuancen: Chad Hartigan erzählt vom Coming of Age unter erschwerten Bedingungen für einen schwarzen Jungen im weißen Heidelberg

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Mit den Augen eines Amerikaners betrachtet wirkt das idyllisch am Neckar gelegene Heidelberg unwirklich und märchenhaft wie ein Disney-Schauplatz oder eine Themenpark-Location. Nur leider ist der dreizehnjährige Morris aus Amerika hier nicht einfach nur zu Besuch. Als wäre es nicht schon schwer genug, für einen pummeligen Teenager, der gerade seine Mutter verloren hat, seinen Platz in der Welt zu finden. In seiner Coming-of-Age-Geschichte erhöht Chad Hartigan die Widerstände noch einmal beträchtlich: Zu den normalen Widrigkeiten eines Teenagerlebens kommt bei Morris noch hinzu, dass er der einzige Schwarze unter lauter Weißen ist, dass er nur Englisch spricht, wo Deutsch die Landessprache ist, dass er pummelig und schwerfällig wirkt unter all den schlanken Drahtigen. Eine Brücke zwischen den einander fremden Welten baut Carla Juri als Inka, die ihm Deutsch beibringen soll und mit ihrem Mix aus jugendlicher Frische und sanfter Autorität an ihn herankommt: »You are young, and there is no rush to be old!«, ermuntert sie ihn: »Be young! Be you!« Als ob das so einfach wäre. Und dann gibt es da noch die blonde Katrin, die eigentlich unerreichbar ist, Morris aber doch so exotisch findet, dass sie immer wieder Zeit mit ihm verbringt, nicht zuletzt wohl auch weil sie das entsetzte Gesicht ihrer Mutter genießt, als die ihn zum ersten Mal aus ihrem rosa Mädchenzimmer kommen sieht.

Im Grunde verbindet Chad Hartigan die Motive seiner ersten beiden Filme, die zarten Gefühle und niederschmetternden Peinlichkeiten erster Flirtversuche in »Luke and Brie Are on a First Date« mit der »Fish out of Water«-Situation von »This Is Martin Bonner«, in dem ein Mann sein altes Leben hinter sich lässt, um an einem anderen Ort ein neues zu beginnen. Statt des großen Dramas interessieren ihn dabei die feinen zwischenmenschlichen Schwingungen, die sich besonders anrührend zwischen Vater und Sohn entfalten, zwischen Craig Robinson, der seine unangestrengte Komik bisher vor allem in Fernsehserien wie »Mr. Robinson« ausgespielt hat (und jüngst ganz gegensätzlich in »Mr. Robot« zu sehen war), und dem Newcomer Markees Christmas. Es macht Spaß, den beiden dabei zuzuschauen, wie sie sich kabbeln und vor allem über die Musik immer wieder annähern. Wie sie beide mit der richtigen Balance von väterlicher Autorität und kumpelhafter Freundschaft, von Distanz und Nähe, zwischen Bewunderung und Rebellion ringen, und dazu noch mit dem deutsch-amerikanischen Kulturclash. Wenn die weißen Kleinstadtkids einen schwarzen Jungen sehen, fallen ihnen natürlich nur Basketball und Rap ein. Also kokettiert der sanfte Morris mit der Gewalttätigkeit und dem frauenverachtenden Sexismus der Rapper und fliegt beim Talentwettbewerb prompt aus dem Ferienlager raus. Natürlich sind dem Jungen die »Grooves« des Vaters peinlich. Doch dann bekommt er von ihm auch einen ebenso universellen wie persönlichen Rat, den man allen Teenagern und auch allen Erwachsenen mit kreativen Ambitionen geben möchte: Erzähl von dem, was du kennst und was dich berührt!

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