Kritik zu Mit leiser Stimme

© Neue Visionen

2026
Original-Titel: 
À voix basse
Filmstart in Deutschland: 
09.07.2026
M: 
L: 
113 Min
FSK: 
keine Beschränkung

In diesem sanften Familien­drama reist eine in Paris ­lebende Tunesierin mit ihrer Lebenspartnerin zur Beerdigung ihres Onkels zurück in die alte Heimat und stellt Nachfor­schungen über dessen ­rätselhaften Tod an.

Bewertung: 4
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Beim Landeanflug auf Tunis strahlt verheißungsvoll die Sonne. Doch die Stimmung der beiden Frauen, die im Mietwagen in die Küstenstadt Sousse fahren, könnte unterschiedlicher nicht sein. Die Französin Alice ist bezaubert vom mediterranen und zugleich exotischen Charme der Gegend. Lilias Miene dagegen verfinstert sich zunehmend. Nicht nur, weil der Anlass ihres Besuchs in ihrer alten Heimat der plötzliche Tod ihres geliebten Onkels Daly ist: Sie kehrt in ein Land zurück, in dem sie ihre Lebenspartnerin nicht nur um des Familienfriedens willen verleugnen muss. Nachdem sie Alice im Hotel versteckt hat, tritt sie ein in das Reich ihrer Kindheit, eine pittoreske Stadtvilla, nun angefüllt mit trauernden Verwandten, die sich um »Mamie«, Großmutter Néfissa, scharen. Nach Lilias letztem Blick auf den Leichnam platzt ein uneingeladener Trauergast ins Haus, der empörtes Getuschel hervorruft. Er wird ebenso schnell hinauskomplimentiert wie unvermittelt auftauchende Polizisten, welche die verdächtigen Umstände von Dalys Tod untersuchen wollen. Niemand soll Mamie in ihrer Trauer über ihren toten Sohn beunruhigen.

Der Grund der polizeilichen Ermittlungen ist nicht schwer zu erraten. Fast scheint es, als ob Lilia, die auf eigene Faust Nachforschungen anstellt, Dalys Geheimnis als Letzte erfährt. Es handelt sich um ein offenes Geheimnis, über das aber selbst emanzipierte Frauen wie Lilias Mutter und ihre Tanten Stillschweigen bewahren. Während der sich über sechs Tage und Filmkapitel erstreckenden Trauerfeierlichkeiten entdeckt Lilia mit dem ungelebten Leben ihres Onkels allmählich auch die Parallelen zu ihrer eigenen Haltung, ihre Verwandten in Liebesdingen bloß nicht vor den Kopf zu stoßen. Dabei ist die Großfamilie eher kosmopolitisch aufgestellt, gut situiert und, wie sich im Umgang mit der Polizei zeigt, nicht ohne Einfluss.

Regisseurin Leyla Bouzid, aus Tunis stammend, skizziert auch in ihrem dritten Spielfilm mit feinem Strich eine von traditionellen Zwängen und unausgesprochenen Sehnsüchten durchzogene arabische Welt. Wenn drei Frauengenerationen zusammenglucken, erinnert das zwar ein wenig an die Filme von Pedro Almodóvar. Knallige Culture-Clash- und Coming-out-Szenen, explizite Konflikte zwischen muslimischer und westlicher Lebensweise werden in der zurückgenommenen Inszenierung dennoch vermieden. Mit Lilias Zerrissenheit zwischen dem Gefühl des Geborgenseins im weiblich dominierten Familienklüngel und gleichzeitiger Entfremdung fängt Bouzid stattdessen eine allgemeingültige Malaise ein, wie sie gerade junge Frauen kennen, die ihre konservative Familie auf dem Land besuchen. Fragen, wann denn endlich Nachwuchs komme, warum Lilia so lange nichts von sich hören ließ, und das Gefühl, erneut in die Falle unaufgearbeiteter Konflikte zu geraten: All das erzeugt latente Gereiztheit.

Doch sobald Lilia auf den Spuren von Dalys letzten Tagen den familiären Kokon verlässt und einen Schwulenclub besucht, tritt die Repression – in Tunesien ist Homosexualität verboten – offen zutage. Sorgen innerhalb der Familie Matriarchinnen »mit eiserner Hand« für die Einhaltung der Regeln, so ist das Außen patriarchalischer Gewalt und Willkür unterworfen. In einer Schlüsselszene werden Alice und Lilia im Auto nach einem nächtlichen Clubbesuch von einem Polizisten angehalten. Er beschimpft Lilia, die in Frankreich lebende Ingenieurin, als Vaterlandsverräterin, und verlangt unverblümt Bestechungsgeld. Die Wut, mit der Alice auf diese von Lilia resigniert hingenommene Alltagskorruption reagiert, wirkt jedoch, wie weitere Paarkonflikte, etwas forciert und vor allem der dramaturgischen Entwicklung geschuldet.

Die meiste Zeit aber besticht die Inszenierung durch ihre Eleganz und ihre romanhaft vieldeutige und von Zärtlichkeit durchzogene Atmosphäre, in der auch moralische Grauzonen ihren Platz haben. Die Geister der Vergangenheit suchen Lilia auch in der Gegenwart heim. Und die Gleichzeitigkeit des Gestern und Heute wirkt wie ein Spiegel, in dem vieles in neuem Licht erscheint. Hier geht es nicht um laute Rebellion, sondern um die sachte Erweiterung des Spielraums.

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