Kritik zu Mit Hasan in Gaza
Kamal Aljafaris Dokumentarfilm besteht aus wiederentdecktem Filmmaterial, das 2001 während einer Reise durch den Gazastreifen entstanden ist und durch die Ereignisse der Gegenwart neue Bedeutung bekommt.
Im November 2001 reiste der junge palästinensische Filmemacher Kamal Aljafari mit verschiedenen Leihwagen und Taxis und einer kleinen Kamera durch den von den Spannungen der zweiten Intifada geprägten Gazastreifen, um dort einen Freund aus einer während der ersten Intifada erlittenen Haftzeit in einem israelischen Jugendgefängnis zu suchen. Hasan war sein einheimischer Reiseführer, Fahrer und oft auch zweiter Kameramann. Über zwanzig Jahre später fand der mittlerweile in Berlin lebende und mit seinen Film- und Kunstprojekten in der westlichen Welt erfolgreiche Künstler die drei Mini-Video-Kassetten dieses ersten Films durch Zufall wieder bei den Vorbereitungen zu einem anderen, neuen Projekt. Doch nach den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 und den Zerstörungen in Gaza durch den folgenden intensivierten Krieg hatte das ursprünglich zur internen Recherche gedachte Material eine ganz neue Bedeutung als historisches Dokument aus und von diesem mittlerweile weitgehend untergegangenen Ort.
So wurde es zum Stoff für diesen Film, dessen Route von den Checkpoints von Beit Hanoun im Norden entlang der Küste bis zu den damals noch bestehenden israelischen Siedlungen im Süden bei Rafah und zurück führt.
Die Kamera schaut durch die Frontscheibe ruhig nach draußen auf das Meer und die von unzähligen Parolen markierten brüchigen Fassaden, während bei den häufigen Stopps Hasan Elboubou mit zackigen Zooms und Schwenks in eher verwischter Manier Straßenleben, kleine Märkte, tobende Kinder am Strand und kartenspielende Cafébesucher einfängt. Aber auch Armut, demolierte Häuser, zerstörte Installationen und rätselhafte Männergruppen, die von Lautsprecheranweisungen durch ein unbekanntes Gelände bewegt werden. Dabei sind Kinder und (meist männliche) Erwachsene für die Präsenz der Kamera sichtlich dankbar. Einmal wird in einer langen Sequenz unter Regieanweisungen der betroffenen BewohnerInnen ein von israelischem Beschuss zerstörtes Wohnhaus vorgeführt, danach ebenso ausführlich nächtlichen Schusswechseln zwischen nicht genauer identifizierten Stellungen israelischer und palästinensischer Kräfte gelauscht.
»Dies ist der erste Film, den ich nicht gedreht habe«, sagt Aljafari über die Entstehung seines Projekts, in den Credits steht statt »directed« »conceived by«. Bearbeitet wurde der in der Kamera geschnittene und die zweitägige Reise in originaler Abfolge erzählende Film in den Bildern kaum, doch Simon Fisher Turner und Attila Faravelli haben eine differenziert begleitende musikalische Tonspur mit Einsatz traditioneller palästinensischer Lieder kreiert. Dazu kommen sparsame Texteinblendungen und ein klug als Epilog an das Ende gesetzter poetischer Prosatext des Filmemachers selbst, der den Hintergrund seines Interesses und seiner Suche erklärt. Wie der Rest des Films ist er getragen von Wehmut über wiederholtes Displacement und erlebte Verluste, doch hinter den nüchternen Sätzen sind Wut und Zorn über Gewalt, erlittene Erniedrigung und fehlende Perspektiven spürbar. Was mag aus den Kindern geworden sein, die 2001 mit aus ihren Händen geformten V-Zeichen noch fröhlich Siegeswillen und -optimismus in die Kamera signalisierten?



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