Kritik zu Mistress America

© 20th Century Fox

Noah Baumbach inszeniert seine Muse Greta Gerwig in einer mustergültigen Screwball-Komödie um zwei ungleiche New Yorker Stiefschwestern, die unter anderem als zeitgenössische Variante von Woody Allens »Annie Hall« funktioniert

Bewertung: 3
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 2)

Bei den Filmfestspielen von Venedig outete sich Noah Baumbach mit dem Dokumentarfilm »De Palma« als Brian-De-Palma-Fan. Tatsächlich zeigen sich bei genauerem Hinsehen gewisse Parallelen zwischen den stilistisch so gegensätzlichen Filmemachern, insbesondere was die Orientierung an Vorbildern betrifft. War De Palma lange von Godard und Hitchcock geprägt, bilden bei Baumbach Truffaut und Woody Allen deutliche Bezugspunkte: In »Frances Ha« zitierte er Georges Delerues Kompositionen für Truffaut, und in seinem neuen Film »Mistress America« wirkt Greta Gerwig wie eine Variation von Diane Keatons Annie Hall, für die Generation der Millennials. Gerwig spielt Brooke, eine New Yorkerin um die 30, mit wirbelwindhaftem Temperament und einer bisweilen provozierenden Unbekümmertheit.

Zuvor aber lernen wir Tracy kennen, eine 18-jährige Neu-New-Yorkerin, die an der Columbia-Uni Literatur studiert. Von den Dünkeln ihrer Kommilitonen verunsichert, sucht sie Anschluss bei ihrer zukünftigen, noch unbekannten Stiefschwester: Auftritt Brooke, die die Studentin vom ersten Moment an mit überbordender Herzlichkeit unter ihre Fittiche nimmt. Dass Tracys Mutter und Brookes Vater demnächst heiraten wollen, ist der einzige, vage Anknüpfpunkt der ungleichen Frauen. Und doch ergänzen die introvertiert-ernsthafte Jungliteratin und die exzentrisch-oberflächliche Lebenskünstlerin sich wie Yin und Yang: Je öfter sie gemeinsam die Stadt unsicher machen, desto mehr brauchen sie sich gegenseitig, um ihre individuellen Energien zu entfalten. Dabei wird immer deutlicher, dass die laute Brooke in Wahrheit ziemlich weltfremd ist, die stille Tracy hingegen nicht so naiv, wie man dachte. Denn während Brooke in Tracy eine dankbare Bewunderin für ihren neuesten Traum von einem Künstlerbistro findet, benutzt umgekehrt Tracy ihre flatterhafte Stiefschwester in spe heimlich als Vorlage für ihre erste, nicht unbedingt schmeichelhafte Kurzgeschichte.

Baumbach und seine Koautorin Gerwig haben Scorseses »Die Zeit nach Mitternacht« sowie die Filme von John Hughes als Vorbilder für »Mistress America« genannt; an die wahnwitzige Energie des Ersteren und den Humanismus der Letzteren reicht ihr Film allerdings nicht heran. Vielmehr steht er in der Tradition klassischer Screwball-Komödien: Das Tempo ist hoch, die Dialoggefechte sind von virtuosem Feinschliff; die zahlreichen Nebenfiguren gewinnen binnen weniger Szenen messerscharfe Kontur, und die verbalen Running Gags sind perfekt platziert. In bester Boulevard-Manier treffen im dritten Akt alle Figuren in einer Villa zusammen, deren bühnenhafte Architektur sich wunderbar für Auf- und Abtritte eignet. Das ist eine Wonne zu beobachten, aber in seiner perfekten Konturiertheit wirkt der Film auch etwas hermetisch und stellenweise eher literarisch als filmisch. Nach 20 Jahren im Filmgeschäft ist Baumbach kein junger Regisseur mehr, aber in den schwächsten Momenten fühlt »Mistress America« sich wie die Arbeit eines jungen Klassenprimus an, dem es bei aller methodischen Perfektion noch etwas an Lockerheit und Wärme fehlt. Die neugierig beobachtende Tracy ist in ihrer Ambivalenz die einzige Figur, die wirklich zu leben scheint.

In den besten Momenten hingegen erinnert die éducation sentimentale von Tracy und Brooke an die früheren Filme Woody Allens. Baumbachs Gespür für New Yorks Bourgeoise und studentische Milieus ist punktgenau, man merkt, dass er selbst einer New Yorker Intellektuellenfamilie entstammt. Er nimmt Dünkelhaftigkeit und pseudokünstlerische Hybris ins Visier. Vor allem Brooke ist letztlich der Prototyp einer egomanischen, verletzenden Schwätzerin. Erst gegen Ende verwandelt sich ihre nervige Flatterhaftigkeit in eine Art Tragik: als klar wird, dass sie stets anderen als Inspirationsquelle dienen wird, ohne je selbst etwas zu erreichen. Damit gewinnt »Mistress America« einen existenzialistischen Dreh, der ihm zu guter Letzt doch eine gewisse Herzenswärme verleiht.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns