Kritik zu On the Milky Road

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2016
Original-Titel: 
On the Milky Road
Filmstart in Deutschland: 
07.09.2017
V: 
L: 
125 Min
FSK: 
16

In seinem ersten Spielfilm nach fast zehn Jahren führt Emir Kusturica erneut die Mischung aus Lovestory, Klamotte, Heimatfilm und surrealer Überlebensparabel vor, die einst sein Markenzeichen war

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Die Balkankriege der 90er Jahre hatten auch ihre komischen Seiten, zumindest aus der Sicht von Emir Kusturica. Der serbische Filmemacher verwebt in seinem Film »On the Milky Road«, wie er sagt, wahre Geschichten und Fantasie. Das Drehbuch stammt aus seiner Feder und erlaubt ihm in der Hauptrolle den skurrilen Kauz namens Kosta mit allerlei Macken und Merkwürdigkeiten auszustatten. Dieser Kosta, ein Milchmann, passiert auf seinem Esel und mit einem Falken auf der Schulter unversehrt die Frontlinien; sein Regenschirm ist sein Schutzschirm. Kusturicas »Milky Road« scheint geradewegs in ein Filmuniversum zu führen, das vor einigen Jahren Sacha Baron Cohen dominiert hat: Borat auf Balkanesisch.

Die Geschichte ist reinste Kolportage. Kosta verliebt sich in eine geheimnisvolle Italienerin (Monica Bellucci). Sie ist einem Kriegshelden versprochen und überdies den Nachstellungen ihres rachsüchtigen Exmannes ausgesetzt: eine Frau mit Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Auch sie entdeckt ihr Herz für den Milchmann. Die Italienerin kann zupacken, ob beim Melken oder beim medizinischen Einsatz, wenn sie Kosta ein abgeschossenes Ohr wieder annäht. Den beiden bleibt schließlich nur die Flucht. Ein Happy End erscheint unwahrscheinlich, denn in den ersten Einstellungen hat die Kamera (Goran Volarevic und Martin Sec) ein Schwein auf dem Weg zur Schlachtbank beobachtet sowie Gänse, die in einer Wanne voller Blut ein Bad nehmen, einen hungrigen Falken am Himmel und eine Schlange. Hier geht es um offenbar um Leben und Tod.

Ernsthaft behandelt Kusturica das Thema allerdings nicht, denn die Schlange, die Kosta mit Milch füttert, wird auf magische Weise zum Helfer, und der Falke ist sowieso ein Freund. Mit Bären versteht sich der Milchmann auch erstaunlich gut. Die Menschen, die Kusturica – ein erklärter serbischer Nationalist – mit sentimentaler Emphase feiert, sind Balkanoriginale, musikalisch versierte Gestalten, die leidenschaftlich aufspielen können und dabei virtuos mit den Ohren wackeln.

In den 125 Minuten Spielzeit bewegt sich vieles, ohne wirklich bewegend zu sein. Die Mischung aus Lovestory und Klamotte, opulent bebildertem Heimatfilm, absurder Kriegskomödie und surrealer Überlebensparabel hat Züge einer selbstverliebten Etüde. Auch wenn das alles perfekt fotografiert und musikalisch untermalt ist, fügen sich die Teile nicht zu einem fesselnden Ganzen. Der Weg ist das Ziel in Kusturicas neuem Film, aber dieser Weg ist lang.

Der Film umspannt 15 Jahre, von den letzten Tagen der Balkankriege bis nahezu in die Gegenwart. Die stärkste Szene liefert »On the Milky Road« zum Schluss. Der von einem Trauma gezeichnete Kosta ist zu sehen, wie er ein Stück Land, auf dem vor allem Schafe, aber auch Menschen gewaltsam gestorben sind, mit Steinen bedeckt. Die Arbeit muss ihn Jahre gekostet haben. Erst wenn der ganze Boden mit Steinen bedeckt ist, begreift man, wird sich die Wunde der Vergangenheit geschlossen haben.

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