Kritik zu Lou Andreas-Salomé

© Wild Bunch

2016
Original-Titel: 
Lou Andreas-Salomé
Filmstart in Deutschland: 
30.06.2016
Musik: 
V: 
L: 
113 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Lou Andreas-Salomé war eine der geistreichsten Frauen ihrer Zeit, die unter anderem Nietzsche, Freud und Rilke faszinierte

Bewertung: 2
Leserbewertung
2.5
2.5 (Stimmen: 2)

Was für ein Leben! Was für eine Frau! »Wir wollen doch sehn, ob nicht die meisten sogenannten ›unübersteiglichen Schranken‹, die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen!«, sagt die junge Lou Andreas-Salomé. Sie ist eine emanzipierte Frau, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Ihre Biografie liest sich dennoch, oder vielmehr: gerade deshalb als eine Parade berühmter Männer, darunter Rainer Maria Rilke, mit dem sie eine Affäre hatte; die Philosophen Friedrich Nietzsche und Paul Rée, die sie verehrten; Sigmund Freud, bei dem sie studierte.

Es wirkt wie eine Ironie des Schicksals, dass ihr Name heute fast immer zusammen mit den Namen berühmterer Männer genannt wird. Zu Lebzeiten war sie oft die Stärkere, die Unabhängigere, die diverse Heiratsanträge ablehnte, die geistige Auseinandersetzung mit Männern suchte und weiterzog, wenn sich die Inspiration in ihren Augen erschöpft hatte. Dabei war es wohl nicht vordringlich ihre Schönheit, die die Männer an Lou Andreas-Salomé faszinierte – es waren ihr Verstand und ihre Souveränität. Sie war Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin, eine der gelehrtesten, geistreichsten und schillerndsten Frauen ihrer Zeit. Sie »raubte« sich ein Leben, wie es im Film einmal heißt, stillte ihre apollinischen wie dionysischen Sehnsüchte, zu einer Zeit, als sich Frauen mit der Rolle als Hausfrau und Mutter zu begnügen hatten.

Im Nachhinein verwundert es, dass sich das Kino nicht schon früher für dieses Leben interessiert hat. So faszinierend allerdings die Person Lou Andreas-Salomé ist, so konventionell ist nun leider die filmische Nacherzählung durch die Berliner Autorin und Regisseurin Cordula Kablitz-Post geraten.

Am Personal liegt das nicht. Katharina Lorenz als jüngere und Nicole Heesters als alte Lou überzeugen, auch Philipp Hauß als Paul Rée, Alexander Scheer als Nietzsche oder Julius Feldmeier als Rilke. Wobei die großen Männer vom Sockel der Geistesgeschichte geholt werden und immer wieder am Rand zur Karikatur angesiedelt sind: Nietzsche etwa erscheint als verschrobener Möchtegern-Macho, Rilke als buttermilchgesichtiger Träumer, über dessen »wolkige« Poesie Lou witzelt. Das schadet aber nicht, im Gegenteil. Tatsächlich ist eine der originellsten Szenen die, in der Nietzsche und Rée vor Lou Andreas-Salomé »beichten«, Selbstzweifel und Depressionen als »Sünden« nennen und plötzlich sehr menschlich wirken.

Charmant sind auch die »lebenden Postkarten«, die wie Kapitelüberschriften die Geschichte gliedern: Vor einem wie koloriert wirkendem Hintergrund, neben unbewegten Figuren, die fotografiert (und nicht gefilmt) wirken, ist es allein Lou, die in der Szene lebendig wirkt – das passt zu dieser Frau. Solche inszenatorischen Geistesblitze sind allerdings eher die Ausnahme. Die Rückblendenstruktur wirkt sehr brav und zerhackt die Erzählung. Vor allem fehlt diesem Debütfilm ein gedanklicher roter Faden, ein Thema jenseits der Hommage und der biografischen Nacherzählung. Das fällt umso stärker auf, je mehr sein Gegenstand funkelt.

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