Kritik zu London Nights

© Kool Filmverleih

Man gleitet in diesen Film des Argentiniers Alexis Dos Santos hinein, wie vom Wachen in den Traum, schwerelos im Sonnenlicht am Fenster eines fahrenden Zuges

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»In wie vielen Betten habe ich in meinem Leben geschlafen?« fragt sich der 20-jährige Axl im Halbschlaf, »in wie vielen, seit ich Madrid verlassen habe?«. »Unmade Beds« heißt der Film im Original, und erzählt von einigen Londoner Tagen und Nächten, von drei jungen Menschen aus Belgien, Spanien und England, in einer luftigen Choreografie mehr oder weniger flüchtiger Begegnungen.

Während die meisten lateinamerikanischen Jugendlichen mit trotzig aggressiver Energie durch Filme hetzen, die von ihrem täglichen Überlebenskampf erzählen, lassen sie sich im zweiten Film des Argentiniers Alexis Dos Santos in einem entrückt schwebenden Lebensgefühl treiben. Die Verwirrung jugendlicher Gefühle fließt im Rhythmus und in den Melodien hipper junger Bands mit dem Nebel von Drogen, Zigaretten und Alkohol zusammen, und mit den Sensationen freizügiger, erotischer Experimente. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fängt der Regisseur zusammen mit dem schwedischen Kameramann Jakob Ihre das Lebensgefühl seiner Helden ein, den Zauber eines Lächelns, die Magie eines Blicks, die Poesie einer Bewegung, all die fragilen Momente jugendlicher Unschuld, melancholischer Verlorenheit, sorgloser Leichtigkeit und emotionaler Tiefe.

Könnte man diesen Film anfassen, dann wären es nach der Aussage des Regisseurs zwei Schachteln, gefunden in einer leeren Lagerhalle mit Bildern und Polaroids, CDs, Tagebüchern, Konzerttickets, Comics, Zeichnungen und einer Menge leerer Flaschen, und sofort stellt sich eine Verbindung her zu Leanne Shapton, die die Spuren einer verflossenen Liebe in Form eines Auktionskatalogs präsentierte. Seine Anregungen findet Dos Santos in der Musik, der Kunst, der Literatur und der Fotografie, deren Schwingungen er mit dem Pulsschlag des wirklichen Lebens in Einklang bringt.

Man wird geradezu süchtig nach den unscharfen und verwackelten Bildern, nach dem hypnotischen Sog, den sie entwickeln, und nach dem entwaffnenden Charme der Hauptdarsteller, die er sich aus der ganzen Welt zusammengesucht hat. Da ist die Französin Déborah François, die als Vera aus Enttäuschung über ihre letzte Liebe ein gefährliches Spiel mit der neuen treibt und statt Telefonnummern und Adressen nur die Orte und Zeiten des nächsten Treffens mit ihrem vielversprechenden Liebhaber tauscht. Oder der Holländer Michiel Huisman, der seine musikalischen Erfahrungen als Singer-Songwriter in den Film mitgebracht hat. Und der Spanier Fernando Tielve, der auf der Suche nach seinem abtrünnigen Vater wie ein verlorengegangener Welpe anmutet. Im bittersüßen Limbo zwischen Schulzeit und Erwachsenenleben probieren sie alle das Leben aus, wie Kleidungsstücke auf dem Flohmarkt, wie einen aufgemalten Schnurrbart oder ein Gorillakostüm. Selten wurde die Verlorenheit, die Freiheit, die Melancholie und das Glück der Jugend so unvoyeuristisch und magisch eingefangen.

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