Kritik zu LOMO: The Language of Many Others

© Farbfilm Verleih

2017
Original-Titel: 
LOMO: The Language of Many Others
Filmstart in Deutschland: 
12.07.2018
Musik: 
L: 
101 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Jugendlicher Weltschmerz und die Macht der »Community«: In Julia Langhofs Debüt schaut das Coming-of-Age-Drama in die Abgründe der vernetzten Welt

Bewertung: 3
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Über Filterblasen und Echokammern wird seit geraumer Zeit viel gesprochen. Wie so viele andere Internet-Phänomene sind sie allerdings ziemlich schwer auf die Leinwand zu bekommen. Julia Langhof hat sich für ihr Spielfilmdebüt experimentierend mit diesem Problem auseinandergesetzt und gemeinsam mit Kameramann Michal Grabowski einige eigenständige audiovisuelle Lösungen gefunden. Immer wieder überlagern sich in »LOMO« die Ebenen, in die Bilder der »realen Welt« schieben sich Schrift und Symbole der all­gegenwärtigen Screens, unmerklich sind ­ bisweilen die Übergänge vom Film zum Film-im-Film in Form von Handyvideos, wie sie die jugendliche Hauptfigur auf ihrem Blog postet. Momentweise beherrschen auch abstrakte Pixelstrukturen die Leinwand, dann wieder legt sich ein Chor aus Follower-Stimmen, manchmal wirr sich überlagernd, dann klar artikuliert, über reale Bilder.

In Kombination mit einer fragmentierenden Montage aus Groß- und Detailaufnahmen spiegelt sich in diesen Stilmitteln akkurat die von verpeiltem Leerlauf geprägte Welt von Karl, dessen Motto lautet: »Es gibt nur zwei Zustände im Leben: Langeweile oder Panik«. Mit Zwillingsschwester Anna und den mit sich selbst beschäftigten Eltern (Vater: Architekt, Mutter: Musiklehrerin) lebt er in Berlin, ist angeödet von der Schule wie von der Familie. Anders als seine Schwester hat er keine Pläne für die Zeit nach dem Abitur. Antrieb und Bestätigung findet Karl alias »LOMO« nur in seinem Blog »The Language of Many Others«. »Die vielen Anderen«, das ist zum einen die Welt, wie sie im Internet sichtbar wird, etwa in fremden Familienvideos, die Karl mit Aufnahmen der eigenen Familie zusammenschneidet – nicht immer zum Pläsier der Eltern. Die Anderen, das sind aber auch Karls Follower, deren Stimmen noch eine schicksalhafte Rolle zukommen wird.

Unerwartet »echtes« Leben findet Karl in der Begegnung mit der forschen Mitschülerin Doro, die ihn eines Tages in der elterlichen Sauna verführt. Doch als er dann mehr als eine Affäre will, weist Doro ihn ab. Eine herbe Enttäuschung mit fatalen Folgen: Karl, wütend und betrunken, postet das Video, das ihn und Doro bei ihrem ersten Sex zeigt. Von da an entwickelt sich das Coming-of-Age-Drama immer mehr zum Cyber-Thriller und wartet unter anderem mit der bizarren Wendung auf, dass Karls Follower in sein reales Leben eingreifen.

Je dichter allerdings der Plot gestrickt wird, desto weniger kann die stimmungsvolle Inszenierung den Film noch tragen. Auch das starke Spiel von Jonas Dassler in der Hauptrolle tritt nun gegenüber dem lauten Klappern der Dramaturgie in den Hintergrund. Aufdringlich ist bereits der ­Zufall, dass Doros Mutter über einen wichtigen Architektenauftrag für Karls Vater mitentscheidet, noch seltsamer ist dann eine weitere Verstrickung beider Familien, die zur ziemlich melodramatischen Kulmination des Geschehens beiträgt. Ist Berlin wirklich so ein Dorf? Auch die grob herausgemeißelte Sozialkritik tut der Geschichte nicht gut. Da scheint die Welt des Films plötzlich fast genauso eng wie jene Echokammer, in der Karl sich eingerichtet hat.

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