Kritik zu Land der Wunder

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Mit ihrem Spielfilmdebüt »Corpo Celeste« wurde Alice Rohrwacher vor drei Jahren als eigenwilliges Regietalent aus Italien entdeckt. Für ihren neuen Film konnte sie im Mai dieses Jahres den Jurypreis in Cannes gewinnen

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Gelsomina (Maria Alexandra Lungu) kann etwas Besonderes. Die Zwölfjährige ist so vertraut mit den Honigbienen ihrer Familie, dass sie sie furchtlos in den Mund nimmt und auf ihrem Gesicht spazieren lässt. Das Kunststück, träumt sie, könnte ihrem Vater, einem deutschstämmigen Landkommunarden (Sam Louwyck), und ihrer italienischen Mutter (Alba Rohrwacher) aus den Schulden helfen und das Familienleben in ihrem Gehöft am Trasimenischen See in Mittelitalien sichern. Der Vater müsste nur das Casting für die Show des glamourösen Fernsehstars Milly Catena (Monica Bellucci) erlauben. Mit dem Bienentrick könnten sie den ersten Preis für ihren Honig heimholen.

Gelsominas Traum provoziert den Zorn des geliebten Vaters. Was für die junge Imkerin wie ein Märchen erscheint, stellt in den Augen des Ökobauern und ungelenken Patriarchen den Einbruch blödsinniger Konsumkultur in seine Enklave dar.

Land der Wunder verwebt den archetypischen Adoleszenzkonflikt mit der Tragikomödie einer unkonventionellen Multikulti-Familie, die trotzig widersprüchlich am Rand der berlusconiesk entsolidarisierten italienischen Gesellschaft die Utopie widerständigen Landlebens aufrecht zu halten versucht. Gelsomina beherrscht die Imkerei nach dem Muster bäuerlicher Kinderarbeit besser als ihr Vater, der seinerseits gegen die Pestizide der umliegenden Großbauern ankämpft. Die temperamentvolle Mutter ackert im Gemüsegarten für die Subsistenz der Großfamilie, zu der auch Cocò (Sabine Timoteo), eine nicht auf den Mund gefallene Ex-Hippie-Landarbeiterin gehört, nicht zu vergessen ein notorisch verstummter Fürsorgezögling aus Deutschland, den die Familie zur Finanzaufbesserung aufgenommen hat.

In fließenden Episoden und raumgreifenden Helldunkelbildern der französischen Kamerafrau Hélène Louvart tastet sich der Film der italienischen Regisseurin Alice Rohrwacher aus Gelsominas Perspektive zur großen Entscheidung am Ende des Feriensommers vor. Lebenspralle Kritik an den äußeren Verhältnissen paart sich in Rohrwachers Filmerzählung mit der melancholischen Feier eines trotz allem kraftvollen Familienzusammenhalts. Ihre Fremdlinge im eigenen Land bewegen sich – auch geprägt durch ihre eigenen Kindheitserfahrungen mit ihrer Schwester, der Schauspielerin Alba Rohrwacher – selbstvergessen in sich ruhend durch ihr reales, gleichwohl alltagspoetisch verzaubertes Schlamassel. Solchen quasidokumentarisch verwurzelten Charakteren kann die gelenkige Selbstanpreisung der landestypischen Honigmarke in pseudo-etruskischen Kostümen in der auf einer pittoresken Insel im Trasimenischen See gedrehten Folkloreshow nur schwer von den Lippen gehen. Einzig das Kunstwesen Milly Catena macht mit einer kleinen Geste deutlich, dass sie begriffen hat, wer diese Familie ist.

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