Kritik zu Lamento

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Der schwedische HFF-Student Jöns Jönsson erzählt in seinem Debüt von einer Mutter, die mit dem Selbstmord ihrer Tochter zurechtkommen muss

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Filme sollen in Bildern zeigen statt in Dialogen erklären, heißt es immer wieder. Eine Lektion, die der Schwede Jöns Jönsson während seines Studiums an der Filmhochschule Babelsberg ganz offenbar verinnerlicht hat. Was man in den ersten Szenen von Lamento aus den Gesprächen erfährt, ist denkbar dürr: Magdalena, eine Frau Mitte 50, versucht, einen sieben Jahre alten Hund zu verkaufen, eine Mischung aus Collie und Cockerspaniel, mit schwarz-weißem Fell. Das Ehepaar, das sich anfangs an dem Tier interessiert zeigt, will wissen, warum sie ihn loswerden möchte. Er habe ihrer Tochter gehört, sagt sie. Und die sei »nicht mehr da«. Es sind tatsächlich die Szenen und Bilder, die diesem Satz vorausgehen, die den Zuschauer wissen lassen, dass dieses Nicht-mehr-da-Sein der Tochter für Magdalena ein Trauma ist, das sie noch nicht verwunden hat. Es sind die Einstellungen, die sie als isolierte Person zeigen, als jemand, der sehr konzentriert um sich schaut, wie verstrickt in einen inneren Konflikt, der sich ihrem unmittelbaren Umfeld aber nicht mitteilt.

Es dauert ein Weilchen, bis das Wort Selbstmord fällt, und noch länger, bis er beschrieben wird. Es gibt Andeutungen über eine Depression, die die Tochter aus dem fernen Berlin nach Schweden zurückkehren ließ. Magdalena beteuert mehrfach, sie habe sie doch nicht dazu zwingen können, Medikamente zu nehmen. Aber das ist dann schon alles. ­Lamento ist ein Film nicht über die Tragik der Tochter, sondern über die Mutter. Gespielt wird sie von Gunilla Röör, die ihrer Figur eine sympathische Pragmatik verleiht. Magdalena ist nämlich keine große Trauernde, die ihren Schmerz als Mons­tranz vor sich herträgt. Im Gegenteil, es ist, als ob der Verlust der Tochter auch einige unschöne Seiten an ihr hervortreten lässt. Als sie den Enkel vom Klavierunterricht abholt, weicht sie wie ein Teenager der Begegnung mit einer Frau aus. Als Johannes, der Berliner Exfreund der Tochter, sie für einen Tag besucht, verhindert sie mit durchsichtigen Manövern, dass er sich mit deren besten Freundin trifft. Und der zweiten Tochter gegenüber, deren Haus mit Mann und Kind ihr immer offen steht, verhält sie sich fast vorwurfsvoll verschlossen und unnahbar.

Als Zuschauer wünscht man sich zuweilen, Jönsson würde mehr »Geschichte« im herkömmlichen Sinn erzählen, mehr Details aus dem früheren Leben von Magdalena offenbaren oder mehr Informationen darüber geben, warum ihr Verhältnis zur Freundin der Tochter so gestört ist oder warum sie die Annäherung eines Mannes in ihrem Alter gerade dann brüsk zurückweist, als der zu erkennen gibt, dass er sie »versteht«. Die große Zurückhaltung des Drehbuchs in diesen Punkten wirkt streckenweise fast so, als sei Jönsson der Stoff ausgegangen. Aber die konzentrierte Bildsprache des Films und vor allem die Leistung der Hauptdarstellerin füllen die Lücken des Drehbuchs mit genug widersprüchlichen, nachvollziehbaren Emotionen auf, dass keine Langeweile aufkommt.

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