Kritik zu La Mélodie – Der Klang von Paris

© Prokino

2017
Original-Titel: 
La Mélodie
Filmstart in Deutschland: 
21.12.2017
L: 
102 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Kad Merad ist hier als Geigenlehrer in einer ungewohnt zurückgenommenen Rolle zu sehen – die erste Geige spielen seine Schüler, die sich zu einem Orchester zusammenraufen müssen

Bewertung: 4
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Filme über Kinder aus prekärem Milieu, die zum Musizieren gebracht werden, sind fast ein Subgenre. Das neueste Beispiel ist dieses Schuldrama, das auch als Werbefilm für das Projekt Démos betrachtet werden kann. Dank dieses Förderprogramms der Pariser Philharmonie gibt es inzwischen neun Jugendorchester, die sich aus sozial benachteiligten Kindern zusammensetzen. Ein ähnliches Projekt der Berliner Philharmoniker wurde 2004 im Dokumentarfilm »Rhythm Is It!« begleitet, in dem Kinder unter Anleitung eines Tanzpädagogen »Le Sacre du Printemps« einübten.

Die Musikförderung in vorliegendem Film hat allerdings einen größeren Umfang. So bekommen die Schüler eines neu angebotenen schulischen Violinkurses alle eine Geige: Ob geschenkt oder geliehen, erfährt man nicht. Die erste Lektion von vielen, die in diesem Film elegant nebenbei vermittelt werden, besteht in der Sorgfalt – eingeübt bei der behutsamen Handhabung der Violinen. Tatsächlich sind die ruppigen Kinder von der Haptik des altertümlichen Holzinstruments unwillkürlich gebannt.

Ihr Lehrer, der arbeitslose Violinist ­Simon, scheint in diesem Kurs mit seinen respektlosen und sich wüst beschimpfenden Kindern anfangs total fehl am Platz. Kad Merad spielt einen seinem sonstigen filmischen Naturell entgegengesetzten Charakter, einen still geduckten Feingeist. Natürlich entpuppt sich, wie in »Die Kinder des Monsieur Mathieu«, das »Slumming« als Aushilfsmusiklehrer in einer Brennpunktschule als Simons großes Glück, gelingt es ihm doch, die ruppigen Eleven zusammenzuschmieden und mit Arnold sogar ein großes Talent zu entdecken.

Wie überzeugend in diesem Geigenunterricht Kollateraltugenden wie Disziplin, Gemeinschaftssinn und Konzentration vermittelt werden, zeigt der Vergleich mit dem Drama »Music of the Heart« (1999), in dem Meryl Streep mit theatralischem Trara als Geigenlehrerin gute Werke tut. Die französische Variante ist weit unsentimentaler und stärker auf die Kinder fokussiert, fast dokumentarisch in der Beobachtung ihrer Hingabe und auch ihrer Streitereien, und deshalb wirken sie ungemein authentisch. Außerdem darf über die anfängliche Katzenjammermusik auch gelacht werden.

Nicht umsonst gibt es die Redewendung »schluchzende Geigen«: der Film zeigt ohne Angst vor Rührseligkeit, wie direkt beim Violinenspiel menschliche Emotionen angezapft werden. Das wird noch betont durch die Wahl des Stücks, das aufgeführt werden soll, Rimsky-Korsakows »Scheherazade«. Bei den Proben auf einem Dach, umgeben von trostlosen Sozialwohnungsblöcken, entfaltet der romantische Eskapismus der orientalisierenden Melodien eine umso stärkere Wirkung. Doch wo auf voyeuristische Blicke auf prekäre Lebensverhältnisse meist verzichtet wird, geht es dennoch wie gehabt vorrangig um die musikalische Befriedung von Jungs und folglich um ihr Vaterproblem: um Väter, die prügeln, und um Väter, die nicht vorhanden sind. Doch dank der zurück­genommenen Inszenierung auch dieser Klischees wird im Zuschauer eine Saite zum Klingen gebracht.

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