Kritik zu Klassenkampf

© Partisan Filmverleih

2020
Original-Titel: 
Klassenkampf
Filmstart in Deutschland: 
07.10.2021
FSK: 
Ohne Angabe

Sobo Swobodnik setzt sich in seinem experimentellen Dokumentarfilm mit der Problematik des Aufsteigens und Klassenwechsels auseinander. Mit weiblichen Alter Egos und Zitaten von Didier Eribon und Annie Ernaux  

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Alles beginnt in einem Bauernhaus in einem kleinen Dorf auf der schwäbischen Alb. Die Einrichtung ist so konservativ und pragmatisch wie die Menschen, die das Haus bewohnen. An den Wänden hängen gerahmte Fotografien, Hochzeitsbilder und Kinderfotos. Das alles hat etwas Bedrückendes, aber auch Alltägliches. Hier ist der Schriftsteller, Schauspieler und Regisseur Sobo Swobodnik aufgewachsen. Von hier ist er einst geflohen, zuerst nach Aalen, in die nächstgelegene größere Stadt, um dort Abitur zu machen, dann nach München und von da aus nach Berlin. Doch nun kehrt er zurück, um sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen.

Die Biografien und Geschichten von sozialen Aufsteigern, von Menschen wie Didier Eribon und Annie Ernaux, Édouard Louis und Christian Baron, haben in den vergangenen Jahren viel Aufsehen erregt. Sie haben neue Diskussionen über Klassenstrukturen in Frankreich und Deutschland angestoßen und zugleich den Blick darauf gelenkt, was es für den Einzelnen bedeutet, sich aus sozialen Verhältnissen zu lösen. Sobo Swobodnik greift diese Diskussionen in seinem experimentellen Dokumentarfilm »Klassenkampf« auf und fügt ihnen seine eigene Erzählung hinzu.

Zahlreiche Texte, die im Film erklingen, stammen von Sobo Swobodnik und er tritt auch auf, aber in Gestalt der Schauspielerin Margarita Breitkreiz, und das in den meisten Szenen gleich dreimal. Zeichen einer Verschiebung und einer Zersplitterung, die sich nicht mehr reparieren lässt. Die Entscheidung, als Frau in Erscheinung zu treten, dürfte mit dem Wunsch der Eltern zusammenhängen, die eigentlich ein Mädchen haben wollten, aber auch mit dem ständigen Gefühl der Fremdheit in der Welt der Eltern wie in der Welt, in der sich Swobodnik seinen Platz gesucht hat. Wer aus einer provinziellen Arbeiterfamilie stammt, bezahlt für den Wechsel in eine andere Klasse einen entsprechenden Preis.

Welche Formen dieser Preis im Leben des Betroffenen annehmen kann, darüber erfährt man viel in den Texten von Eribon und Ernaux, die der Film an verschiedenen Stellen zitiert. Aber Swobodnik geht noch mehrere Schritte weiter. Zum einen imaginiert er Gesprächssituationen zwischen seinem Film-Ich und Expert:innen wie Daniela Dröscher, Klaus Klemm und Michael Hartmann, die dann jeweils auch von Margarita Breitkreiz gespielt werden. Die Erfahrungen und Beobachtungen der anderen werden Teil eines inneren Dialogs. 

Zum anderen findet Swobodnik Bilder für sein zerrissenes Inneres, für den Schmerz und die Wut, die er auch Jahre nach dem Weggang aus der Provinz noch in sich trägt. Mal wirken diese Bilder wie in der Szene, in der eines seiner Alter Egos die gerahmten Fotos an den Wänden des elterlichen Wohnzimmers zerschlägt, sehr direkt. Mal sind sie eher rätselhaft und lassen sich nicht eindeutig entschlüsseln. So entsteht noch einmal ein anderes, vielschichtiges Porträt der ewigen Fremdheit, mit der sich soziale Aufsteiger ihr gesamtes Leben auseinandersetzen müssen.

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