Kritik zu Imagine

© Neue Visionen

Blindheit im Film darzustellen ist heikel. Der polnische Regisseur Andrzej Jakimowski hebt die akustische Ebene hervor, die den Blinden als Orientierung dienen kann, und schafft es dabei, auch optisch interessant zu bleiben

Bewertung: 4
Leserbewertung
2.666665
2.7 (Stimmen: 3)

Aus dem Dunkel des Vorspanns schält sich langsam ein Bild. Als schwacher schwarz-weißer Kontrast erst, dann immer heller in die Unschärfe hinein, bis schließlich ein südländischer Innenhof sichtbar wird, mit einem Schäferhund darin. Dessen Hecheln hatte man die ganze Zeit über schon gehört. Der Hund erhebt sich, schnüffelt an dem Tor, vor dem ein junger Mann mit Sonnenbrille steht. Das ist Ian (Edward Hogg) der als Lehrer in diese private Klinik in einem alten Kloster in Lissabon kommt, um dort den blinden jungen Menschen beizubringen, wie sie sich in der Welt zurechtfinden können.

Der Hund ist natürlich ein Symbol. Wie er will Ian sich nicht auf nur einen Sinn verlassen, sondern alle gleichermaßen nutzen, zumal ihm ein sehr wichtiger fehlt. Auch er ist blind, doch er setzt nicht darauf, dass man ihm hilft, geht nicht mit Stock oder anderen Hilfsmitteln durch die Welt, sondern versucht, sich sein Umfeld durch Riechen, Hören, Tasten und eine intensive Vorstellung von den Dingen zu erschließen. Das ist wunderbar in Bildern festgehalten, man sieht das suchende Gesicht und hört viel intensiver zu.

Natürlich ist diese autarke Methode riskant. Autos nur zu hören und dann die Straße zu überqueren, ist gefährlich, kleine Mauern oder nur Bordsteinkanten sind akustisch schwer wahrzunehmen. Und so passieren immer wieder Unfälle, die die Klinikleitung nicht hinnehmen will. Schon bald wird Ian die Lehrbefähigung wieder entzogen. Doch der Duft der Freiheit ist geblieben. Vor allem zwei seiner erwachsenen Schüler, Eva (Alexandra Maria Lara) und Serrano (Melchior Derouet) , wollen sich nicht mehr auf den engen Hof beschränken, sondern Straßencafés, Hafenanlagen und Geschäftsviertel für sich entdecken.

Imagine ist in Portugal entstanden, doch nicht darauf beschränkt. Wie im letzten Film des polnischen Regiseurs Andrzej Jakimowski, Kleine Tricks, in dem ein kleiner Junge seinen Vater sucht, ist auch Imagine ein Film, der Bewegungen nachvollzieht. In kleinen Schritten wie in großen Bögen verfolgt der Film seine Protagonisten quer durch die Altstadt von Lissabon, ohne dass wir viel von ihr zu sehen bekämen. Er bleibt bei den Gesichtern seiner Helden, gibt sich beobachtend und hält sich mit der Inszenierung zurück. Dadurch entsteht auch Raum für die akustische Ebene, die den Zuschauer mit den blinden Protagonisten verbindet. Selten hat man so viel gesehen und doch das Wichtigste nur gehört. Die allgemeine Tragik der Blindheit wird im Individuellen aufgelöst, jeder Einzelne beginnt, sich zu bewegen, meistert Dinge des Alltags, von deren Schwierigkeit wir kaum etwas geahnt haben. So wird aus der Tätigkeit, Wasser aus einem Krug in ein Glas zu gießen, eine ungeheure Aufgabe, wenn man sich auf den Tastsinn allein verlässt. Wenn man aber kräftig gießt und hört, wie sich der Klang des Wassers verändert, kann jeder das Glas füllen, ohne einen Tropfen zu verschütten. In diesen Momenten offenbart der Film nicht nur seine große Kenntnis der kleinen Probleme von blinden Menschen, sondern auch seinen Sinn für Humor. Auch der Zuschauer muss seine Gabe zur Imagination schulen. Ohne die Augen zu schließen.

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