Kritik zu Huhn mit Pflaumen

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Nach ihrem autobiografisch inspirierten Trickfilm Persepolis hat Marjane Satrapi ihren ersten Realfilm inszeniert: einen so traurigen wie komischen Mix aus Märchen, Parabel, Burleske und Melodram, überdie Liebe zu den Künsten und zum Land Iran

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Marjane Satrapis »Persepolis« war ein großer Wurf, und das gleich zweimal. Der 2000/2001 erschienene Comic, in dem Satrapi von ihrer Kindheit und Jugend in Iran zu Zeiten der islamischen Revolution erzählte, war so bitterkomisch und dabei informativ, dass er zum Bestseller wurde. Bei der anschließenden Adaption als Trickfilm bewies die Zeichnerin, wie viel Gespür sie für bewegte Bilder hat.

Mit großer Spannung hatte man deshalb Huhn mit Pflaumen erwartet, Satrapis ersten Realfilm. Auch er basiert wieder auf einer Graphic Novel der Autorin. Nach der Lebendigkeit ihrer Zeichenwelten aber verblüfft die verstaubte Biederkeit, ja Leblosigkeit dieser »realen « Welt. Es ist das Teheran der 50er Jahre, in das Huhn mit Pflaumen führt, in dem der Meistergeiger Nasser-Ali Khan (Mathieu Amalric) zu sterben beschließt, nachdem sein geliebtes Instrument zu Bruch gegangen ist. Während er in seinem Bett liegt und zunehmend fiebrig dem Tod entgegengeht, erlebt Nasser-Ali noch einmal die entscheidenden Momente seines Lebens. Unvermittelt springen Erinnerungsszenen auf – an seine Ausbildung in Shiraz, wo er der schönen Irâne (Golshifteh Farahani) zum ersten Mal begegnet, die er liebt, aber nicht heiraten darf. An seine Ehe mit der mzickigen Lehrerin Faringuisse (Maria de Medeiros), zu der ihn die Mutter drängte. Und an den Tod der Mutter, einer leidenschaftlichen Raucherin, die Isabella Rossellini mit ihrem unvergleichlichem Charisma spielt.

Überhaupt hat sich hier ein tolles Schauspielerensemble zusammengefunden, und es gelingen einige sehr komische, dabei tieftraurig grundierte Miniaturen. Maria de Medeiros etwa verkörpert die Schreckschraube Faringuisse als verletzliche und verletzte Person, deren hoffnungslos unerwiderten Liebe zu ihrem Ehemann uns tief berührt. Sie ist die einzige in diesem Film, die genau weiß, was sie will, eine »moderne Frau«, berufstätig, tatkräftig, auf Emanzipation bedacht – umso unverständlicher sind die karikaturhaften Züge, die der Film ihr verleiht.

Die Gegenfigur zu ihr ist die schöne Irâne, die nicht zufällig so heißt wie das Land, aus dem Satrapi selbst als Jugendliche geflohen ist vor den Mullahs. Die Allegorie – Irâne heiratet einen Offizier, der in seiner Uniform wie der Schah aussieht – verärgert durch ihre Schlichtheit und bringt auch wenig Erkenntnis. Die ärgerlichste Figur von allen aber ist ausgerechnet Nasser-Ali selbst, verkörpert vom eigentlich großartigen Mathieu Almaric, der in Huhn mit Pflaumen allerdings wirkt wie im falschen Film. Seine Figur des leidenden Künstlers, der erst aus der unglücklichen Liebe seine große Kunst schöpft, wirkt wie aus der Mottenkiste gezogen – vielleicht soll das ja sogar so sein. Allzu viel Sympathie kann Satrapi diesem Mann, den sie als egozentrischen, noch im Tod leichtfertigen Zauderer schildert, jedenfalls nicht entgegengebracht haben. Obwohl sie aus dessen Neurosen immer wieder sarkastisch-komische Funken schlägt, obwohl sie in den Rückblenden mit sichtlichem Spaß Genres erprobt, ist am Ende nicht klar, was Satrapi an der müden Welt, die sie da schildert, überhaupt interessiert haben mag.

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