Kritik zu Hirten
Sophie Deraspe erzählt nach wahren Begebenheiten von einem Werbefachmann, der sein Leben in der Stadt aufgibt, um Schäfer in der Provence zu werden.
Mathyas hat seinen Job als Werbetexter in Montreal geschmissen. In der idyllischen Provence will er ein neues Leben als Schafhirte beginnen, das ihn zu einem Buch inspirieren soll. Das abgedroschene Aussteigermotiv, das die Frankokanadierin Sophie Deraspe nach Mathyas Lefebures semi-autobiografischem Roman »D’où viens-tu, berger?« inszenierte, mutet anfangs nicht wirklich prickelnd an. Doch schon bald entwickelt der betont langsam erzählende Film eine sogartige Wirkung. Nicht nur wegen seiner großartig fotografierten Bergpanoramen, sondern weil er auch unbequeme Themen anspricht. Doch der Reihe nach.
In einer Kneipe bietet Mathyas alteingesessenen Schäfern seine Hilfe an, doch die von Wind und Wetter gegerbten Franzosen haben genug eigene Probleme. Der schnöselige Schönling aus der Großstadt ist ihnen egal. Der Bauer Richard (Lionel Escoffier) bietet ihm überraschend eine Chance. Bei diesem ersten Versuch versagt Mathyas jedoch so komplett, dass man ihm nicht einmal erklärt, was er falsch machte. Einen Job erhält der Kanadier dann doch noch, weil ein Schafzüchter wegen Rückenschmerzen ausfällt. Dessen Angestellter, der gutmütige Ahmed (Michel Benizri), bringt dem Neuling geduldig bei, wie man mit einer Herde umgeht. Dummerweise macht Mathyas einen harmlosen Scherz über Gott – worauf der Marokkaner so sehr außer sich gerät, dass er ein Lamm tötet. Das Tischtuch ist zerschnitten.
Diese Eruption, die trotz ihrer Heftigkeit nur beiläufig beobachtet wird, zeigt, dass es in Hirten nicht um ein Schäferstündchen geht. Gewiss, die zentrale Wendung, gemäß der Mathyas gemeinsam mit seiner Freundin Elise (Solène Rigot) für eine liebenswürdige Züchterin arbeitet, erscheint etwas konstruiert. Man bleibt jedoch gefangen von diesem Film, der die Transhumanz genannte, halbnomadische Wanderweidewirtschaft, bei der Tiere in hoch gelegene Bergregionen getrieben werden, mit selten gesehener Unmittelbarkeit einfängt.
Die Regisseurin, eine der prägenden Figuren des neuen Kinos in Québec, hat die Arbeit von Schäfern dokumentarisch beobachtet und für den Spielfilm choreografiert. Wird die Herde durch Dörfer getrieben, in denen Autos sich im Schritttempo durch Unmengen von Schafen bewegen, so wirkt die Szenerie lebendig. Félix-Antoine Duval als Mathyas und Solène Rigot in der Rolle der burschikosen Elise haben eine sympathische Leinwandpräsenz. Ihre zurückhaltend beobachtete Liebesgeschichte hat nichts von einem kitschigen Schäfer idyll.
Der Film überzeugt mit beeindruckenden Naturaufnahmen, die nichts von Postkarten haben. Die Regisseurin weist zudem auf ein Problem hin, das besonders dringlich ist in Frankreich, wo pro Jahr etwa 12 000 Schafe den Wölfen zum Opfer fallen. Als dreißig seiner Schafe von Wölfen gerissen werden – nicht aus Hunger, sondern »zum Vergnügen« –, droht auch Mathyas Aussteigertraum zu platzen. So ist »Hirten« ein liebenswürdiger, elegischer Film, nicht nur über das Blöken, sondern auch über das Schweigen der totgebissenen Lämmer.







Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns