Kritik zu Haymatloz – Exil in der Türkei

© Mindjazz Pictures

2016
Original-Titel: 
Haymatloz
Filmstart in Deutschland: 
27.10.2016
L: 
90 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die deutsch-türkische Dokumentarfilmerin Eren Önsöz begleitet in der Nachfolge zu ihrem Import – Export die Nachfahren von deutschen Exilanten
in der Türkei auf ihrer Spurensuche

Bewertung: 3
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Eine Linie auf der Landkarte der Migrationsbewegungen zwischen Deutschland und der Türkei war lange vergessen. In ihrem Film »Import – Export« suchte die deutsch-türkische Dokumentarfilmerin Eren Önsöz 2006 nach Spuren jener rund tausend Wissenschaftler, Künstler, Stadtplaner und Architekten, die nach ihrer Vertreibung aus Hitlerdeutschland Zuflucht, Wertschätzung und neue Aufgaben in der Türkei fanden. Unter Mustafa Kemal Atatürk sollte die 1923 gegründete türkische Republik nach westlichem Vorbild reformiert und wirtschaftlich entwickelt werden. Deutsche Exilanten gestalteten in Hochschulen, Ministerien und Planungsstäben diesen enthusiastischen Aufbruch des nationalstolzen neuen Staates mit.

Zehn Jahre nach ihrem Debüt setzt die Filmemacherin ihr Herzensthema in »Haymatloz« (»Heimatlos«, Stempel in den Ausweisen der Einwanderer) fort. Ihr Film erzählt in Frühlingsfarben zu manchmal leider dominanter Weltmusik, wie fünf sichtlich berührte Damen und Herren an Orte ihrer Kindheit in Istanbul und Ankara zurückkehren, wie sie dort Zeugnisse der Lebensleistung ihrer Eltern wiederfinden und neue Kontakte zu den Erbverwaltern knüpfen.

2014, vor den Putschereignissen dieses Sommers und der folgenden autoritären Ausrichtung der Türkei entstanden, spiegelt Eren Önsöz’ Film die sorgenvolle Stimmung unter liberalen türkischen Wissenschaftlern, die Eingriffe in die laizistischen Bildungs- und Kulturstrukturen des Landes befürchten. Nicht die politischen Fragen, aus welcher Geschichte sich die Entwicklung der Türkei speist und wohin sie steuert, sind das Thema des Films. Seine Stärken liegen in der Ausstrahlung seiner Protagonisten. Susan Ferenz-Schwartz, eine Psychotherapeutin in Zürich, macht sich die Ehrung des Andenkens an ihren Vater Philipp Schwartz zur Aufgabe. Der Pathologe wurde wegen seiner jüdischen Wurzeln von der Universität Frankfurt/Main vertrieben, gründete in der Schweiz die »Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland« und verhalf annähernd 3000 verfemten Kollegen zur Flucht, vielen von ihnen zu einer Anstellung in der Türkei. Elisabeth Weber-Belling, die Tochter des Bildhauers Rudolf Belling, sammelt auf Stadtrundgängen in Istanbul begeistert Anschauungsmaterial für eine Publikation über den Vater, der einst als Präsident der Kunstakademie Istanbul fungierte.

Historische Filmfragmente im Stil von »Symphonie der Großstadt« machen anfangs den modernistischen Schub der Türkei auch kinematographisch anschaulich. Heute, so der zwiespältige Befund der deutschen Besucher, wirken manche einst innovative Arbeitsstätten ihrer Eltern museal, andere Orte fallen dem von Recep Tayyip Erdoğan vorangetriebenen Bauboom und seiner Symbolpolitik zum Opfer. Wieder andere Begegnungen machen neugierig auf die historischen Hintergründe bestimmter Konflikte, die der impressionistische Episodencharakter des Films nur andeutet. So schuf Rudolf Belling, ein Vertreter der Bauhaus-Ästhetik, am Ende monumentale Standbilder des Atatürk-Nachfolgers Inönü. »Haymatloz« erinnert an die leuchtende Seite der Geschichte. Fortsetzung folgt vielleicht.

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