Kritik zu The Gospel of Revolution
Was ist aus der lateinamerikanischen »Theologie der Befreiung« geworden? François-Xavier Drouet spürt in seiner Doku den Spuren dieses basisdemokratischen Katholizismus, der sich auf die Seite der Armen schlug, nach.
»Pseudopriester« nennt der Mann im karierten Hemd die Kirchenmänner, die im El Salvador der 1970er Jahre die indigene Landbevölkerung in ihren Kämpfen gegen das Militärregime unterstützten. Als Rechtsanwalt vertritt er einige der Soldaten, die 1981 in dem Dorf El Mozote über 800 indigene Männer, Frauen und Kinder massakrierten und bis jetzt nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Nun agiert er auch gegen Exhumierungen im Dorf, die wenigstens Beweismittel sichern sollen.
El Salvador ist eine von vier Stationen dieses Films, der mit sichtbarem Engagement das ideelle und praktische Vermächtnis der Befreiungstheologie in Lateinamerika sucht. Diese hatte seit den 1960er Jahren mit der Verbindung von christlichen Basisgemeinden und sozialer Bewegung die Ausbeutung durch Großgrundbesitzer und die von den USA unterstützten Diktaturen bekämpft. Regisseur Drouet führt mit persönlichem Kommentar durch den Film, der organisch reichhaltiges Archivmaterial und die Begegnung mit heute noch lebenden Beteiligten kombiniert. Etwa dem 1969 in São Paulo verhafteten Dominikanermönch Frei Betto, der in seiner ehemaligen Gefängniszelle Marx’ Rede von der Religion als Opium des Volkes reflektiert. »Heben wir uns den Pessimismus für bessere Tage auf!« ist sein immer noch kämpferisches Motto. Denn die evangelikale Rechte ringt auch nach Bolsonaro um die Macht. Und eine echte Bodenreform konnten alle Landbesetzungen nicht durchsetzen.
Auch in der ersten sandinistischen Regierung in Nicaragua waren vier Priester, 1979 beschwor Ernesto Cardenal nach dem Sieg über das Somoza-Regime den »wirklich gewordenen Traum«. Aus dem ist bekanntlich längst ein neuer Alptraum geworden. Das verschweigt Drouets Kommentar nicht, betont aber die Bedeutung der massiven Gegenkräfte durch die offizielle katholische Kirche unter Johannes Paul II. und die 30 000 Toten der durch die USA finanzierten Contras. Im mexikanischen Chiapas hatte die von der Kolonialmacht geerbte Religion den Indios lange Minderwertigkeit gegenüber den Weißen gelehrt, als Bischof Samuel Ruíz Garcia 1960 den Kampf gegen diese »naturalisierte Knechtschaft« aufnahm. Gemeinsam mit der sich später entwickelnden zapatistischen Bewegung revolutionierten sie dieses Weltbild.
»Individualismus ist der Anfang vom Tod«, predigt auch Vater Joel Padron gemeinschaftliche Werte bei einem indigenen Gottesdienst in der Region. Doch was bedeutet diese Haltung in Zeiten, wo aus sozialen Kämpfen längst individuelle Fluchtbewegungen im Land oder nach draußen geworden sind? Eine deprimierende Antwort sind die vielerorts grassierenden evangelikalen Kirchen, eine andere die Caritas. Doch dann geht Drouet zum Ende noch einmal nach São Paulo zu Pater Julio Lancellotti, der dort seit Jahrzehnten mit Obdachlosen lebt. Wesentlich ist ihm das Selbstbewusstsein der Armen, allerdings ohne Illusion: Nach all den verlorenen Kämpfen der Vergangenheit kämpfe man nun aus »Loyalität (fidelité), nicht um zu siegen.« Dann tanzen viele Menschen aus der Favela einen trotzig-revolutionären Samba für Jesus.




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