Kritik zu Giovanni Segantini – Magie des Lichts

© Mindjazz Pictures

2015
Original-Titel: 
Giovanni Segantini – Magie des Lichts
Filmstart in Deutschland: 
10.09.2015
L: 
85 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Christian Labharts Dokumentaressay macht mit dem anarchistischen Querkopf und konservativen Kunstrevolutionär Giovanni Segantini bekannt

Bewertung: 4
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Giovanni Segantinis Ölgemälde bringen die Panoramen der Alpenregion im Schweizerischen Graubünden und Engadin zum Leuchten. Ende des 19. Jahrhunderts, als die Berge noch nicht bis in die letzten Winkel durch Betonpisten, Tunnel und Seilbahntechnik erschlossen waren, widmete er dem einfachen Leben im klaren Höhenlicht der Dörfer und Almen seine malerischen Denkmäler. Schon inspiriert von den neuen optischen Suggestionsspielen des pointillistischen Malstils, setzte er reine Farben nebeneinander, die sich bei der Betrachtung aus gebotenem Abstand zu kontemplativen Szenen von großer innerer Strahlkraft vereinigen. »Giovanni Segantini – Magie des Lichts«, der Film des Schweizer Dokumentarregisseurs Christian Labhart, versucht in Form einer Zeitreise, die Prägungen der Kindheit und Lehrjahre des Malers nachzuempfinden. Ohne Erklärungsgestus und kunsthistorisches Expertenwissen führt er in eine eigenwillige Künstlerbiografie, in die Geschichte einer faszinierenden kreativen Selbstermächtigung ein.

1858 im trientischen Städtchen Arco als Bürger des habsburgischen Kaiserreichs geboren, litt Segantini unter dem Alkoholismus des Vaters und dem frühen Tod der Mutter. Mit sechs überließ ihn der Vater einer viel älteren Halbschwester in Mailand und verschwand. Die Schwester hasste das Pflegekind. Sich selbst überlassen, nahm er Reißaus und erlebte alle Not und Freiheit eines Straßenkindes, bis er in ein Heim kam, wo ein Priester sein Talent entdeckte.

Mit zwanzig eroberte sich Segantini die Ausbildung an der Mailänder Kunstakademie. Carlo Bugatti, der legendäre Möbeldesigner, wurde der Freund des Sans-Papiers, seine Schwester Bice Bugatti seine Lebensliebe. Obwohl ohne Recht auf Heiratspapiere, stimmten die Eltern seiner Verbindung mit der Siebzehnjährigen zu. Bis zu Segantinis frühem Tod 1899 lebte das Paar mit seinen vier Kindern unter schwierigen Bedingungen, während sich der Ruhm seiner symbolistischen Malerei in Europa verbreitete.

Ruhige Impressionen einstiger Lebensorte überblendet der Film mit historischen Fotografien und lässt so eine surreale auratische Atmosphäre entstehen. Segantini, der erst durch Bice lesen und schreiben lernte, hinterließ zärtliche Briefe, wenn er für Wochen zu seiner Arbeit auf hoch gelegenen Almen aufbrach. In autobiografischen Fragmenten reflektierte er sein pantheistisches Weltgefühl. Seine Gemälde erscheinen im Film als geradezu idealtypische frames des modernen 16:9-Formats, seine Motive entwerfen hingegen Inbilder einer verlorenen Harmonie zwischen Mensch und Natur. Sie beschwören Mutteridole, die in der urbanen Moderne seiner Zeit längst infrage gestellt wurden.

Bruno Ganz liest bedächtig Passagen aus Segantinis Schriften, Mona Petri liest aus ­Asta Scheibs Segantini-Roman »Das Schönste, was ich sah«, Kammermusiker unterstreichen die suggestive Hommage an einen ­anarchistischen Aussteiger.

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