Kritik zu Ghost School
Durch die Perspektive eines Mädchens, das herausfinden möchte, warum ihre Schule nach den Ferien geschlossen bleibt, erzählt Seemab Gul von den Problemen der pakistanischen Gesellschaft.
Es ist ein Tag, an dem sich für die zehnjährige Rabia alles ändert: Eigentlich hatte sie sich so sehr gefreut, nach dem Ende der Ferien wieder in die Schule zu gehen, denn sie ist begierig darauf zu lernen. Aber ihre Schule bleibt geschlossen. Der Lehrer sei besessen, ein Dschinn habe ihn in seine Gewalt gebracht und die Schule sei verhext, sagen die Beamten. Viele der Dorfbewohner glauben diese Geschichte, einige nicht. Den Jungen kann die Schulschließung egal sein, sie gehen stattdessen auf die Schule im Nachbarort. Mädchen sind dort aber nicht zugelassen. Also macht sich Rabia auf den Weg, zuerst zum Lehrer, dann zum Schulleiter, schließlich zum Bezirksvorsteher, um herauszufinden, was wirklich hinter den Behauptungen steckt.
Regisseurin Seemab Gul hat Abbas Kiarostamis »Wo ist das Haus meines Freundes?« (1987) als Vorbild gewählt für ihren Debütfilm, mit dem sie die systemimmanenten Fehler der pakistanischen Gesellschaft und ihrer Regierung offenlegt. Rabias Lehrer hat lediglich Fieber und im Übrigen wurde sein Vertrag nicht verlängert, weil er kein Bestechungsgeld gezahlt hat. Nach Meinung des Schulleiters, eines reichen Grundbesitzers, der ganz im Sinne des Kastendenkens handelt, braucht die Gesellschaft auch ein paar ungebildete Menschen wie Rabias Eltern. Denn wer würde sonst fischen und putzen gehen?
Anhand des Dorfs als überschaubarem Mikrokosmos werden die Prinzipien autoritärer patriarchaler Machtstrukturen deutlich. Diese können auch deshalb weiter bestehen, weil Aberglaube immer noch fest in der pakistanischen Gesellschaft verankert und ohne Bildung schwer zu bekämpfen ist. »Geisterschulen« gibt es in Pakistan tatsächlich: Schulen und auch Krankenhäuser werden gebaut, aber nicht in Betrieb genommen. So beruhigt man die Bevölkerung und lässt sie in dem Glauben, etwas für sie zu tun, aber wegen Geistern und anderer obskurer Vorwände wird schließlich kein Personal eingestellt.
Der Film ist ganz aus der Sicht von Rabia erzählt und komprimiert ihre Geschichte auf einen Tag. Sie befragt Honoratioren und spricht mit einfachen Menschen, die sich wundern, dass ein Mädchen außerhalb des Dorfes allein herumwandert. Rabia lernt das gesellschaftliche Gefüge ihres Landes kennen und die Zuschauer tauchen mit ihr ein in das Konglomerat aus Aberglaube, Behördenwillkür und Korruption. Um sich endgültig über Dschinns und böse Geister eine Meinung zu bilden, traut Rabia sich schließlich in ihre Schule, um zu überprüfen, was es mit dem Spuk auf sich hat.
So langsam und konzentriert wie Rabia ihren Weg geht, gestaltet sich auch die Dramaturgie dieser realistisch gehaltenen Sozialstudie. Die Erkenntnisse, die Rabia im Laufe ihrer Recherche sammelt, lassen sie immer empörter werden und zunehmend in eine tiefe Krise stürzen. Aus diesem System zu entkommen, ist für Mädchen und Frauen nicht vorgesehen, aber Rabia wird es mit der Unterstützung ihrer Mutter versuchen.





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