Kritik zu Fighting with my Family

© Universal Pictures

Die wahre Geschichte einer jungen Frau aus einer britischen Wrestler-Familie, die es in den neunziger Jahren zu Erfolg in den USA bringt

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Mal was anderes: nicht »Based on a True Story« heißt es zu Beginn des Films, sondern gleich »a true story« – aber so vollkommen ungewöhnlich ist die auch wiederum nicht, dass man dem Zuschauer ihren Wahrheitsgehalt dermaßen unterstreichen müsste. Es geht um eine etwas exzentrische Familie in der britischen Provinz, die sich ganz einer Leidenschaft verschrieben hat, dem Wrestling

Wrestling dürfte den meisten Kinogängern eher als frühere Tätigkeit von Schauspielern wie Dwayne »The Rock« Johnson, John Cena oder (für die älteren Semester) Hulk Hogan ein Begriff sein, verknüpft mit der Frage: Sport oder Show? Wikipedia beschreibt es als eine »Schaukampf-Sportart. Der Sieger steht schon vor dem Match fest, die Abläufe werden teilweise improvisiert und mit Showelementen und Storylines angereichert« – nicht umsonst heißt der größte Dachverband ja auch WWE (World Wrestling Entertainment). Die Frage ist also: kann man Wrestling ernst nehmen?

Ernst nehmen das zumindest die Mitglieder der Familie Knight im britischen Norwich. Während der neunziger Jahre arbeitet Vater Ricky nach seiner aktiven Wrestling-Zeit als Manager, während Mutter Julia gelegentlich auch noch mal in den Ring steigt, der älteste Sohn Roy hat es auch schon gemacht, sitzt aber derzeit im Knast. Nun sind Raya und Zak dran. Beide dürfen zum Probetraining der WWE nach London; aber nur Raya wird dort (als einzige) ausgewählt um in den USA an einem Trainingsprogramm teilzunehmen. 

Während Zak schwer an seiner Niederlage trägt, es noch einmal mit einem Video versucht, sich aber anhören muss, dass er nicht das nötige Talent habe und fortan daheim an seiner Rolle als Kindsvater verzweifelt, fühlt sich Raya in Florida fremd, kann sich nicht einmal mit den anderen drei Frauen im Trainingsprogramm anfreunden, drei langbeinigen Blondinen, ehemalige Models. 

Während sie In Norwich zur lokalen Berühmtheit avanciert, die schließlich alle vorm Fernsehgerät versammelt für die Live-Übertragung aus den USA, nachdem zuvor schon T-Shirts und (gefälschte) Autogramme ein gesundes Merchandising-Geschäft garantierten, verzweifelt sie in der Fremde zunehmend, verunsichert über ihre eigene Rolle und ihre Zukunft. Das harte Trainingsprogramm bringt sie an ihre Grenzen, eine neue Frisur mit blondgefärbten langen Haaren wirkt wie ein Akt der Verzweiflung. Als sie für die Weihnachtsfeiertage nach Hause kommt, vertraut sie Zak an, dass sie nicht zurückgehen würde. Ihren Eltern mag sie das allerdings noch nicht mitteilen.

Natürlich hat die Geschichte ein Happy End (sonst wäre daraus wohl kaum ein Kinofilm geworden), aber die Momente der Verzweiflung und des Selbstzweifels nehmen hier deutlich mehr Raum ein als in anderen Außenseiter-setzen-sich-durch-und-feiern-schließlich-einen-großen-Triumph-Geschichten. Florence Pugh, die ihren Durchbruch im vergangenen Jahr als »Lady Macbeth« hatte, verleiht der Protagonistin sympathische Züge, gerade auch in ihren Selbstzweifeln, als Vater kann Nick Frost sein bewährtes komisches Talent ebenso ausspielen wie Lena Headey (in der dritten Folge der achten Staffel von »Game of Thrones« immer noch am Leben), die als Mutter in einer ungewöhnlichen Rolle glänzt. Und Vince Vaughn bringt in seine Rolle als scheinbar unbarmherziger Trainer die ihm eigene Lässigkeit ein. Auch wenn »Fighting With My Family« fürs Wrestling wohl kaum dasselbe leisten wird wie »Billy Elliot – I Will Dance« fürs Ballett, ist es doch höchst bedauerlich, dass der deutsche Verleih ihn kurzfristig um fünf Wochen vorgezogen hat und ihn so unter dem Radar in die Kinos bringt.

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