Kritik zu The Farewell

© DCM

2019
Original-Titel: 
The Farewell
Filmstart in Deutschland: 
19.12.2019
V: 
L: 
100 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Basierend auf einer echten Lüge: Lulu Wang nutzt die Geschichte eines Familiengeheimnisses, um unter anderem die kulturellen Unterschiede zwischen Ost und West zu reflektieren

Bewertung: 4
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»The Farewell« ist ein Film über eine gewaltige, existenzielle Lüge. Eine ganze Familie verschweigt der Großmutter, dass sie sterbenskrank ist. Was man kaum glauben mag, hat sich wirklich ereignet. Denn das »Based on an actual lie« wird dem Film nicht aus Jux vorangestellt, obwohl auch das der tonnenschweren und zugleich federleichten Tragikomödie zuzutrauen wäre. Nein, tatsächlich war die chinesische Großmutter der Filmemacherin und Drehbuchautorin Lulu Wang tödlich erkrankt und wurde nicht eingeweiht.

Ist das nun eine »gute Lüge«, wie der behandelnde Arzt im Film erklärt, oder eine kaum vertretbare? Es sind diese beiden Pole, die Wang in ihrem Film verhandelt und die zugleich zu Spiegeln werden für kulturelle Differenzen. »Das ist der Unterschied zwischen Ost und West: Im Osten ist das Leben einer Person Teil eines Ganzen«, heißt es einmal. Deshalb habe die Familie die emotionale Last der Lüge zu tragen. In »The Farewell« prallen immer wieder die Kulturen aufeinander, vor allem aber ist der Film das liebevolle Porträt eines familiären Abschieds.

Dass das alles unglaublich amüsant daherkommt, obwohl der Tod permanent um die Ecke lünkert, ist Wangs große Kunst. Bei ihrer Ankunft in Changchun bekommt die in New York aufgewachsene Billi (Awkwafina) von der geliebten Oma Nai Nai (Zhao Shu­zhen) gleich einen Klaps auf den Po. »Ich habe dir immer gern an deinen runden Hintern gefasst«, frotzelt die schlagfertige alte Dame, die nichts von ihrem Schicksal weiß. Die Enkelin mit Schriftstellerinnenambitionen versteckt ihre Trauer vor der Oma. Und doch: Das Gesicht von Billi, fantastisch gespielt von Schauspielerin und Rapperin Nora Lum alias Awkwafina, spricht Bände.

Es ist diese Dialektik zwischen Wissen und Unwissen, zwischen Freude und Trauer, Leben und Tod, die sich durch den gesamten Film zieht. Denn was wird als Alibi herangezogen, um die Zusammenkunft der in China, den USA und Japan lebenden Familienmitglieder zu rechtfertigen? Eine Fake-Hochzeit von Billis Cousin, für die sich Nai Nai, ganz Matriarchin, die sie ist, breitschultrig als Wedding-Planerin engagiert. Bloß kein billiger Kram beim Hochzeitsessen, oh nein, der gute Hummer muss es sein!

Wang beschwört das Unausgesprochene, das Billi gern aussprechen würde, die chinesische Familie aber partout nicht. Mit Kamerafrau Anna Franquesa Solano findet die Regisseurin dafür wunderschöne, doppelbödige Bilder. Etwa als Nai Nai der Enkelin ihre Atem- und Kraftübungen in Qigong-Manier zeigt und »Ha« kreischt, wenn sie die Hände nach vorne katapultiert. Oder als Billi und ihr Vater auf der Hochzeit den Song »Killing Me Softly« der Fugees als Karaoke-Duett singen. Ergreifend auch, als die gesamte Familie sich für ein (letztes) gemeinsames Foto aufstellt.

Auch wenn der Film in einigen wenigen Momenten arg auf den kulturellen Unterschieden herumreitet, ist »The Farewell« doch in jeder Szene wunderbar ehrlich und auf bittersüße Weise schön. Am Ende schreit Billi »Ha« und ein Vogelschwarm schreckt aus einem Baum auf.

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