Kritik zu Einsamkeit und Sex und Mitleid

© X-Verleih

2017
Original-Titel: 
Einsamkeit und Sex und Mitleid
Filmstart in Deutschland: 
04.05.2017
V: 
L: 
119 Min
FSK: 
Ohne Angabe

13 Stadtneurotiker: Nach dem Roman von Helmut Krausser geht Lars Montag in seinem ersten Kinofilm den Macken und Moden des deutschen Zeitgeists nach

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Der Titel ist eine Verballhornung der Nationalhymne. In seinem Kinodebüt singt Lars Montag ein etwas anders Deutschlandlied. »Einsamkeit und Sex und Mitleid« will deutschen Zeitgeist ausloten. Es geht um Macken und Moden, Ticks und Trends und mannigfaltige Symptome, die dadurch produziert werden. Eine dramatische Geschichte erzählt der Film nicht, er reiht 13 Fallvignetten zu einem Bilderbogen über die Seelenlandschaft der Nation an­einander.

Einer der Protagonisten ist Ecki Nölten (Bernhard Schütz), ein Lateinlehrer, der wegen Übergriffigkeit entlassen wurde. Nun verwickelt er den Filialleiter des Supermarkts in Gagadispute über das Fehlen einer bestimmten Sorte von Kartoffelchips. Das Tragische und das Groteske liegen in solchen Szenen dicht beieinander. Ein Kaleidoskop der Einsam- und Beziehungslosigkeit wird sichtbar. Im wohl absurdesten Moment liegt die Ärztin Julia (Eva Löbau) auf dem Boden ihres Apartments. Sie ist alleine, als sich ihre langen Haare schmerzhaft im Robotstaubsauger verfangen. Grimmige Situationskomik macht die Psychopathologie des bundesdeutschen Alltagslebens spürbar.

Trotz solch pointierter Bilder wird dieses Episodendrama bald öde. Mit seinen holzschnittartig gezeichneten Figuren reiht der Film demonstrativ grelle Statements anei­nander. Ein Paar hat wilden Sex auf der Behindertentoilette, derweil draußen ein empörter Rollstuhlfahrer klopft. Der Film gibt sich auf trendige Weise politisch unkorrekt, erschöpft sich aber in einer Blütenlese kopfgebürtiger Extravaganzen und wird, sobald es um die Flüchtlingskrise geht, ausgesprochen staatstragend.

Schon die erste Szene stellt einen Mi­grantenhasser aus, an dem ein Exempel statuiert wird: Mit dem Schlachtruf »Allahu akbar«, gefolgt von einem gefakten Sprengstoffanschlag, erschreckt der nette Mahmut (Hussein Eliraqui) den fiesen Rassisten zu Tode. Dschihad ist schick geworden. Das findet auch das Smartphone-Girlie Swentja. Sie verlässt ihren Freund Johannes (Aaron Hilmer), der ein Langweiler ist, weil die christliche Religion ihn zum Psycho-Zombie deformierte. Dagegen ist Mahmuts Religion trendy. Sex mit einer Ungläubigen darf der Vorzeigemigrant aber nur haben, wenn er die Deutsche für 100 Euro zur Hure entwürdigt. Swentja findet dieses Angebot ziemlich cool. Händchenhaltend steht sie mit dem Marokkaner vor einem riesigen Aquarium. Sie tummeln sich wie Fische im Wasser: Verkitschte Willkommenskultur.

Filmemacher Lars Montag kommt vom Fernsehen, für das er Degeto-Krimis der Reihe »Mord in bester Gesellschaft« inszenierte, in denen Fritz Wepper und seine Tochter miteinander um die Wette chargieren. Mit seiner auf vordergründige Effekte abzielenden Regie wird er Helmut Kraussers gleichnamiger Buchvorlage gerecht, die ein Literaturkritiker als »Lindenstraße für Fortgeschrittene« bezeichnete. Letzteres taugt auch als Beschreibung des Films, der trotz guter Besetzung, aus der Rainer Bock als schwermütiger Hobbyimker herausragt, nicht überzeugt.

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