Kritik zu Dreiviertelblut – Weltraumtouristen

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Marcus H. Rosenmüller porträtiert die oberbayrische Band Dreiviertelblut – mit edlen Schwarz-Weiß-Bildern, Naturaufnahmen, Livemusik und Schabernack

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4 (Stimmen: 1)

Natürlich ist Marcus H. Rosenmüllers neuer Film auch ein Dokumentarfilm, aber einer der besonderen Art: witzig, voller Poesie, Natur und treibend schöner Musik. Er erzählt fast nichts, sondern lässt die Musiker und die Bilder sprechen. Und doch hat man hinterher das Gefühl, alles erfahren zu haben, was der Band Dreiviertelblut wichtig ist. 

Als sich der Filmmusiker Gerd Baumann und Sebastian Horn, Sänger der Band Bananafishbones, zusammentaten, änderten beide ihren Stil, um fortan »folklorefreie Volksmusik« zu machen. Baumann, der Konstantin Wecker produziert und Gitarre spielt, hatte bereits die Musik zu Rosenmüllers erstem großen Erfolg »Wer früher stirbt ist länger tot« zugeliefert. Und dann immer wieder, bei »Sommer in Orange« oder zuletzt bei »Trautmann«. Dazu kamen die Erfahrungen, die der Spielfilmregisseur Rosenmüller bei der Dokumentation über Hubert von Goisern sammelte, der musikalisch ganz ähnlich zu verorten ist. Grundlegend aber ist die einnehmende Kraft der Musik, die wunderbar tiefsinnigen Texte in hartem Oberbayrisch und der Humor der beiden. 

Der Film beginnt in edlem Schwarz-Weiß im tief verschneiten Wald. Sebastian stapft auf eine halb verfallene Hütte zu und beginnt zu philosophieren, über die Existenz der Kunst und den Ort ihrer Schöpfung. Und dann kracht und scheppert es, man denkt, eine Lawine geht herunter, und er sagt nur ganz cool, »ach, da kommt der Gerd«. In einer Papprakete im Astronautenanzug aus einer anderen Galaxie. Später wird dann klar, dass dieser Gerd gar kein Mensch ist, sondern einer von vielen Robotern, die brav in der Garderobe auf ihren Auftritt warten. 

Doch zwischen den Scherzen, den wunderbaren Bildern aus dem Winterwald, in dem Sebastian ein kühles Bad in einem Gebirgsbach nimmt, sprechen die beiden darüber, was sie bewegt, warum sie nicht mehr englisch, sondern Mundart singen und wo Text und Musik zusammenkommen. »Alles wird aus Schmerz geboren«, sagt Gerd Baumann, und da wundert man sich über den fröhlichen Folkloreklang, der keiner sein will und sich dazu ein ganzes Symphonieorchester und eine E-Gitarre einlädt. »Das Leben lebt vom Tod«, ergänzt Sebastian Horn, »und Zeit ist nur das Maß der Vergänglichkeit.« Zwischen tiefsinnigem Reim mit überraschendem Witz und der immer leicht ins Ironische gewendeten Musik entsteht der Film mit seinen stimmungsvollen Bildern als eigenes Kunstwerk. 

Und dann hat diese Musik eben nur oberflächlich etwas mit Folklore zu tun. Die »Mir-san-mir-Trottelei« geht Sebastian Horn auf die Nerven, sagt er. Aber das Brauchtum, das in seinen Details extrem regional ist und ein paar Kilometer weiter schon wieder ganz anders aussehen kann, das will er erhalten. Und in diesen Widersprüchen sitzt er auf seinem Stuhl und singt. Denn schließlich ist alles, was er macht, nichts weiter als ein unentwegtes Versuchen nicht verrückt zu werden. »Deshalb dichte ich und singe«, heißt es in einem Song, »deshalb hab ich Augenringe, denn wenn's heißt, jetzt ist's gewesen, gibt's Musik und was zu lesen.«

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