Kritik zu Dr. Proktors Pupspulver

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Die Verfilmung des gleichnamigen Jo-Nesbø-Romans kultiviert das Pupsen dergestalt, dass es zu einer völligen Neubewertung dieses menschlichen Bedürfnisses kommt

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Es kann äußerst peinlich sein, wenn jemandem ein Pups entwischt, den Mitmenschen hören und – schlimmer noch – riechen können! Diese kultivierte Verhaltensregel konterkarierend, hat Jo Nesbø, der sonst für seine Krimis bekannte norwegische Autor, einen herrlich schrägen und ganz unkonventionellen Roman geschrieben. Die Geschichte musste natürlich verfilmt werden, kaum eine Komikernummer funktioniert im Kino so perfekt und zielsicher wie Pupse oder Rülpser in gepflegter Umgebung. Der geniale Erfinder und etwas verrückte Doktor Proktor hat ein grelles Pulver erfunden, mit dem man kapitale Fürze loslassen kann, die aber zum Glück nicht stinken. Proktors kleine Freunde Bulle und Lise stehen ihm mit Rat und Tat zur Seite. Vor allem Bulle, der Junge mit den merkwürdigen roten Haaren, ist ein begeisterter Pupspulver-Tester. Er verabreicht sich schon mal eine Überdosis und hebt mittels fulminanter Aufwinde in den Himmel ab. So entsteht auch die Idee, das Pulver patentieren zu lassen, um es an die NASA zu verkaufen, damit sich die Astronauten auf Methanbasis in den Himmel schießen können. Natürlich gibt es den fiesen Widersacher, der die Formel des Pupsonautenpulvers stehlen will, und noch so manches andere Hindernis bis zur Anerkennung durch das Patentamt.

Die Umsetzung des eher trockenen Jo-Nesbø-Humors gelingt dem Film über weite Strecken. Lises Eltern, die auf strikte Einhaltung der Regeln und penibelste Sauberkeit bedacht sind, leben in einem puppenhaus-artigen Gebäude, und da verwundert es nicht, dass die Mutter ihrer Tochter die Haare bügelt, um Lise als vollendeten Gegenstand der Einrichtung anzupassen. Lise gibt sich dieser Prozedur mit stoischer Gelassenheit hin. Seit ihre beste Freundin weggezogen ist, scheint sie sowieso nur noch gelangweilt in den Tag hineinzuleben, bis Bulle neu in die Nachbarschaft zieht. Auch er ist nicht gerade mit einer heilen Familie gesegnet, seine Mutter steht meist qualmend mit Handy auf dem Balkon. Dass die Kinder angesichts dieser familiären Verhältnisse sozial kompetent und umgänglich sind, verwundert umso mehr, als außer ihnen niemand im Universum dieses kleinen Ortes lebt, der einen Ausgleich zur sozialen Kälte der Elternhäuser schaffen würde.

Nur Doktor Proktor macht den Kindern einen gigantischen Pudding und nimmt sie als Personen ernst. Aber ein wenig verschroben ist auch er, dargestellt vom bekannten norwegischen Schauspieler Kristoffer Joner, den man unter seiner wirren Professorfrisur kaum erkennt. In der Überzeichnung der Figuren wendet sich der Regisseur Arild Fröhlich von den Charakteren des Buches ab, um für den Film deutlichere Bilder zu finden. Die Geschichte entwickelt einen Sog, dem wir nicht so leicht entfliehen können, und wenn Anke Engelke gegen Ende ihren Auftritt als Patentprüferin hat, sind wir schon so mitgerissen, dass wir die kleinen Überzeichnungen gern verzeihen.

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