Kritik zu Die Reste meines Lebens

© Camino Filmverleih

Jens Wischnewski erzählt in seinem Spielfilmdebüt von einem jungen Mann, der sein Leben nach dem plötzlichen Tod seiner Frau neu sortieren muss

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Was sind die Reste eines Lebens? Der Hausstand, der mit einem Containerschiff auf dem Weg von San Francisco nach Deutschland untergeht? Ein Stuhl, der gerettet wird? Die Asche, die in einem kleinen Gefäß in einem Loch in der Erde vergraben ist? Die Erinnerungen ans Glück vergangener Tage? Die Tonbandaufzeichnungen aus der Kindheit? Oder bleibt nur der forsche Blick nach vorne?

Von seinem Großvater hat Schimon jedenfalls gelernt, dass alles im Leben einen Sinn hat, sogar die schlimmsten Schicksalsschläge. Dass man im Moment leben muss. Dass das Nächste immer das Beste ist. Und auf seinem Sterbebett hat er ihm etwas ganz Besonderes geschenkt: seine letzten, immer langsamer werdenden Herzschläge. Man sollte meinen, damit ist man gut gerüstet für das Leben, und auch für den Tod. Mit seinem ruhigen und zuversichtlichen Wesen hat der Großvater dem Sterben den Schrecken genommen.

Doch was, wenn jemand viel zu jung stirbt, jemand, mit dem man eigentlich sein Leben verbringen wollte? Plötzlich ist gar nichts mehr klar und geordnet. Atemlos rast Schimon (Christoph Letkowski) dem Krankenwagen durch die Nacht hinterher. Als er kurz darauf im Krankenhaus einem Arzt gegenübersitzt, fehlt seiner Wahrnehmung plötzlich der Ton. Und dann liefert er das erste irre Ding in einer ganzen Kette seltsamer Reaktionen: Er fragt den Arzt, ob er mal von dem Kuchenteilchen beißen darf, das auf dem Teller auf seinem Schreibtisch steht. Wer würde jemandem, dessen Frau gerade gestorben ist, so einen Wunsch abschlagen?

So reiht sich das Spielfilmdebüt von Jens Wischnewski in die zahllosen Filme ein, die sich derzeit mit Trauer und der Verarbeitung von Verlust beschäftigen. Wischnewski erzählt vor allem vom tosenden Gefühlsgeröll, das über einen hereinbricht, von der heillosen Unordnung, die sich auch in der Erzählung niederschlägt, in der die Bilder keiner Chronologie gehorchen. Man fragt sich, was passiert ist, woran sie gestorben ist, was überhaupt los ist und wie es weitergeht. Der Film liefert die Puzzlesteinchen dieser Geschichte erratisch und unsortiert, der Wahrnehmung eines Menschen entsprechend, der unter Schock steht und erst langsam wieder zu Sinnen kommt.

Noch im Krankenhaus wird Schimon mitgerissen von einer Horde Kinder unter Führung einer jungen Frau mit Clownsnase, auf der Kinderkrebsstation. Und dann versucht Schimon, der Logik seines Großvaters zu folgen: Könnte ausgerechnet die größte Tragödie den Weg zum Glück weisen? Schimon liebt das Spiel mit Schicksal und Zufall, immer wieder macht er die großen und kleinen Entscheidungen seines Lebens von Zufällen abhängig, davon, ob ein Tropfen fällt, ob er in der Bar bedient wird, ob eine Ampel auf Grün schaltet, bevor er bis zehn gezählt hat. Doch der Richtspruch des Schicksals ist nur eine Krücke, die er irgendwann wegwerfen muss. Auch »Die Reste meines Lebens« ist ein vielschichtiges Gedankenspiel, das sich immer wieder selbst infrage stellt.

Meinung zum Thema

Kommentare

Bin begeistert von diesem Film, der die Vielschichtigkeit und die Überlappung von Leben beschreibt.

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