Kritik zu Die Haut, in der ich wohne

© Tobis

2011
Original-Titel: 
La Piel que habito
Filmstart in Deutschland: 
20.10.2011
L: 
117 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Schönheitschirurg Dr. Legrand hat nur noch eine Patientin – seine Gefangene. Pedro Almodóvar vermischt in seinem kühlen, konstruierten Thriller Horrorelemente mit seinen eigenen Themen

Bewertung: 5
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Seine Plots sind verdreht wie Geschichten aus tausendundeiner Telenovela, und ihre Nacherzählungen erscheinen unfreiwillig komisch. Doch auf der Leinwand wirken Pedro Almodóvars Szenarien schwerelos, gefällig. Diese Magie entsteht auch im neuen Werk des Spaniers, jedoch mit ungewohnter Zeitverzögerung. Die Einführung in die Laborwelt des medizinischen mad scientist Robert Ledgard, der in seiner abgeschiedenen Landklinik nur eine einzige Patientin »behandelt«, wirkt zuweilen hölzern wie billige Science-Fiction – aber es gibt eine Menge zu entdecken.

Ledgards schöne Gefangene hat die Wand ihres Gefängnisses mit winzigen Buchstabenkolonnen überzogen. Das erinnert an die schizophrene Kunst von Patienten im Gugginger- Krankenhaus in Wien. Nicht minder verrückt erscheint das Projekt des schönen Schönheitschirurgen. Als Seelenverwandter von jenem Dr. Keloid, der in Cronenbergs frühem Film Rabid als »Frankenstein der plastischen Chirurgie« hervortritt, erzeugt auch Ledgard im Cronenbergschen Sinn »neues Fleisch«. Wie ein Bildhauer gleicht er damit seine Patientin dem Aussehen seiner toten Traumfrau an. Dieser Ausgeburt seiner eigenen Wunschfantasie vermag der Schöpfer sich jedoch kaum zu nähern. Wie ein Voyeur beschaut er sie lieber über einen großflächigen Bildschirm, auf dem er die Frau im hautfarbenen Body als Skulptur goutiert: Kein Zweifel, wir befinden uns in Almodóvars Welt. Das geschmackvoll und wie immer einen Hauch zu grell designte Landhaus ist faszinierend. Es gibt ein Wiedersehen mit dem gut gealterten Antonio Banderas, der gut 20 Jahren nach Fessle mich! erstmals wieder bei seinem Entdecker vor die Kamera tritt. Dabei sperrt er gleich wieder eine Frau ein und gibt den verrückten Doktor mit unterschwellig fiebernder Intensität.

Dennoch hat diese medizinische Erotikfantasie ein extrem langes Vorspiel. Was als Anlaufschwierigkeit erscheint, erweist sich jedoch als Teil einer listigen Strategie. Mittels jener kunstvollen Rückblenden, deren Technik er in La mala educación – Schlechte Erziehung perfektionierte, taucht der Regisseur alles in ein neues Licht. Obwohl er nach Live Flesh erstmals wieder auf Motive eines Romans zurückgreift, ist sein Film noch persönlicher als sonst. Er befragt jenes Gesetz der Begierde, nach dem hetero- und homosexuelle Positionen miteinander verschmelzen. So ändert die Tonlage sich radikal, wenn die schöne Patientin von Dr. Ledgard sich im Nachhinein als Patient erweist. Der Vergewaltiger seiner Tochter musste eine mit dem Skalpell erzwungene Transsexualität erdulden. Wie so häufig im Kino des Spaniers erscheint eine Frau als Mann, der eigentlich eine Frau ist.

Diese Verdrehung ist kein abstraktes intellektuelles Spiel, sondern Teil eines Konflikts, der wie im klassischen Hollywoodmelodram tiefe Gefühle erzeugt. Nicht zufällig entwickelt sich der verdrehte Plot entlang der Geschichte jenes fetischistischen Expolizisten Scottie, der in Hitchcocks Vertigo eine Frau von der Straße so lange nötigt, bis sie seinem Idealbild entspricht. Diese Geschichte erzählt Almodóvar nun aus der Perspektive der »Frau«, die nicht nur mit Kleidern und Schminke, sondern mit Haut und Haar zum Objekt der Begierde eines verrückten Chirurgen wurde – und am tragischen Ende nur noch aus der Haut fahren will.

So gipfelt die Sci-Fi-Burleske in einem grotesken Thriller, der zwar keine Gänsehaut bereitet, dabei aber auf eine abgründige Art unter die Haut geht. Das Szenario gleicht einer gynäkologischen Praxis im Sexshop. Als Zuschauer ist verbündet mit einer latent inzestuösen Mutter, die von Marisa Paredes als Furie antiken Zuschnitts verkörpert wird. Obwohl dem Meister gelegentlich die Puste ausgeht und er zum Selbstzitat greift, fügen die Ideen sich zu einem verstörenden Meisterwerk, mit dem Almodóvar sich selbst und der Subtilität des Schrillen treu bleibt.ist verbündet mit einer latent inzestuösen Mutter, die von Marisa Paredes als Furie antiken Zuschnitts verkörpert wird. Obwohl dem Meister gelegentlich die Puste ausgeht und er zum Selbstzitat greift, fügen die Ideen sich zu einem verstörenden Meisterwerk, mit dem Almodóvar sich selbst und der Subtilität des Schrillen treu bleibt.

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