Kritik zu Die doppelte Stunde

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Nichts ist so, wie es scheint: In seinem Spielfilmdebüt folgt Fotograf und Musikvideoregisseur Giuseppe Capotondi der Devise, dass ein Thriller überraschen muss

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Die »doppelte Stunde«, damit sind all jene Uhrzeigerstände gemeint, in denen Stunde und Minutenzahl übereinstimmen; 20:20 zum Beispiel. Die für Aberglauben empfängliche menschliche Natur empfindet es als großen, fast unheimlichen Zufall, wenn der Blick auf die Uhr zu genau einer solchen »doppelten Stunde« stattfindet, obwohl sie doch mit sturer Regelmäßigkeit eintrifft – und sich der »Zauber« nur auf digitalen Uhren so richtig erschließt. Umso mehr aber auf der großen Leinwand: Sieht man im Kino eine Uhr, die 19:19 anzeigt, weiß der Zuschauer, dass hier etwas Doppelbödiges, Ambivalentes vor sich geht, dass das, was er sieht, nicht unbedingt das ist, wofür er es hält. Spätestens hier müsste klar sein, dass es sich bei »Die doppelte Stunde« um einen Thriller handelt. Der entscheidende Plottwist, so will ein Kritikerkollege bei der Premiere des Films in Venedig gemessen haben, ereignet sich übrigens nach genau einer Stunde und einer Minute. . .

Thriller stellen den Kritiker vor besondere Herausforderungen. Wie soll man einen Film vorstellen ohne zu viel zu verraten? »Die doppelte Stunde« handelt von der Slowenin Sonia (Ksenia Rappaport), die als Zimmermädchen in Turin arbeitet. Sonia, der wegen ihres dauermüden Gesichts, dem nervösen Blick und schlecht gefärbten Haaren etwas von einem Flüchtling anhaftet, lernt bei einem Speed-Dating den ebenfalls dauermüden, verwitweten Expolizisten Guido (Filippo Timi) kennen. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. Wenn man so sagen kann: fast ohne es zu wollen. Guido war eigentlich auf der Suche nach einem One-Night-Stand. Und was Sonia eigentlich wollte, wird zum zentralen Rätsel des Films.

In den ersten 20 Minuten also scheint sich »Die doppelte Stunde« ganz um dieses Paar zu drehen: zwei vorher sehr einsame Menschen, die beide irgendwie vom Leben verwundet scheinen, und die nun zueinander finden mit vorsichtig geübten Vertrautheiten und, natürlich, leinwandgerechtem gutem Sex. Doch dann passiert es. Räuber schlagen zu. Schüsse fallen. Oder ist es das Schicksal? Mehr kann man nicht verraten, will man den Thrillergenuss, der nun einmal in unvorhersehbaren Wendungen besteht, nicht verderben.

Man merkt diesem Film in jeder Phase an, wie stolz er auf seine Plotkonstruktion ist, auf das Beherrschen der hohen Kunst von Andeutungen und falscher Spurenlegung, von marionettenhaftem Spiel mit Psycho-, Schreck- und Krimimomenten. Schade ist, dass er dabei fast seine größte Stärke vergisst, nämlich die beiden Hauptdarsteller. Die Russin Ksenia Rappaport hat es in Italien zur vielbeschäftigten Starschauspielerin gebracht; hier zeigt sie einmal mehr, was sie am besten kann: mit unterkühlter Intensität hinter einem fast unbewegten Gesicht ein ganzes Leben voll Komplikationen andeuten. Und Filippo Timi, der in Marco Bellocchios grausam unterschätztem Vincere einen ganz und gar unvergesslichen Mussolini spielte, beweist binnen weniger Minuten, dass er der derzeit ausstrahlungsstärkste männliche Schauspieler Italiens ist.

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