Kritik zu Der wundersame Katzenfisch

© Arsenal

Die mexikanische Regisseurin Claudia Sainte-Luce lotet in ihrem Spielfilmdebüt einen erweiterten Familienbegriff aus, den sie als junge Frau am eigenen Leib erfahren hat: Geborgenheit und Verlorenheit in einer Ersatzfamilie

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Die 22-jährige Claudia lebt wie unter einer Glasglocke, mit einem gewissen Grundrauschen, abgeschottet vom Rest der Welt. Gedankenverloren nimmt sie morgens nach dem Aufstehen die Milch aus der Kühlbox, die anschließend als Frühstückstisch dient. Akribisch sammelt sie die lilafarbenen Froot Loops aus der Müslischüssel und legt sie auf ihr Kopfkissen. Stoisch begibt sie sich auf den Weg zur Arbeit im Supermarkt, wo sie wahlweise Sonderstände mit Enthaarungscreme oder Würstchen betreut. Mit den Kollegen spricht sie kaum, Freunde scheint sie keine zu haben, und auch die Mutter, von der sie später mal behauptet, dass sie geizig gewesen sei und das Toilettenpapier blattweise rationiert habe, gibt es nicht. Als sie eines Tages Bauchschmerzen hat, stellt sich heraus, dass ihr Blinddarm operiert werden muss. Und damit kommt überraschend die Wende für ihr Leben. Mit einem zaghaften Griff an den Trennvorhang zum Nachbarbett eröffnet sich ihr der Blick auf die quirlige Familie, die sich um das Bett der jungen, aidskranken Mutter Martha schart, zwei fast erwachsene Töchter, ein Teenager und ein kleinerer Junge. Als sie bald darauf gemeinsam entlassen werden, packt Martha die junge Frau kurzerhand mit ins Auto und zuhause an den gemeinsamen Mittagstisch.

Es ist kein Zufall, dass die Heldin, die ein wenig an die junge Fanny Ardant erinnert, denselben Vornamen trägt, wie ihre Regisseurin, denn in ihrem Regiedebüt spürt die Mexikanerin Claudia Sainte-Luce ihren eigenen Einsamkeits- und Geborgenheitsgefühlen nach, als sie als junge Frau von zuhause ausgezogen war und unerwartet Anschluss in einer fremden Familie fand, bei einer Ersatzmutter, die im Sterben lag und doch sehr viel lebendiger wirkte als sie selbst. Womöglich stimmt es ja, was die Existentialisten einst sagten, dass die Nähe des Todes das Leben beflügelt? Ein weiterer Schnittpunkt zwischen Wirklichkeit und Fiktion ist Wendy Guillén, die unter ihrem eigenen Vornamen die Rolle nachspielt, die sie schon in der realen Familie innehatte.

Spätestens als Martha ihrer erweiterten Kinderschar einen kleinen Urlaub am Meer verordnet, erinnert Der wundersame Katzenfisch an andere Sterbefilme über letzte Reisen und endgültige Abschiede. Dabei nimmt der Film die Dinge allerdings ganz beiläufig und gleichmütig, so wie sie gerade kommen, ohne ein großes Drama daraus zu machen oder penetrant zu psychologisieren. Die größten Dramen werden elliptisch umschifft und mit den Darstellern hat die Regisseurin so lange geprobt, bis sie ihre Rollen nicht mehr »wie ein Kleid überziehen, sondern in ihrem Körper spüren.«

Im Verbund der Ersatzfamilie wird Claudia bald für Kranken- und Kinderdienste eingespannt und kommt auf diese Weise unweigerlich aus ihrer Glasglocke hervor. Mal wirkt sie völlig eingebunden, nur um im nächsten Moment abseits zu stehen. Dabei schwankt der Tonfall zwischen rauem Armutsrealismus und verhalten skurriler Komödie, die allerdings nie so eindeutig durchschlägt wie im Plakat, auf dem der gelbe VW-Käfer wohl bewusst Erinnerungen an den VW-Bus von Little Miss Sunshine wecken soll.

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