Kritik zu Der Mann, der niemals lebte

© Warner Bros. Pictures

Ein komplexer Nahost-Thriller mit Leonardo DiCaprio und Russell C rowe, in dem der Brite Mark Strong den Stars beinahe die Schau stiehlt – in der Rolle eines jordanischen Geheimdienstchefs

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Wer eigentlich ist Leonardo DiCaprio in Ridley Scotts neuem Film? Ist er der »Blade Runner« von Amman oder »Leonardo von Arabien« oder »Der Spion, der aus der Kälte kam«? Er heißt Roger Ferris im Film, so viel steht fest, und er gilt als amerikanischer Topagent – zuständig fürs Grobe im Krisengebiet des Nahen Ostens.

Zweifellos, DiCaprio gibt eine zerrissene Figur; die Zerrissenheit zeigt sich sogar in den unzähligen Wunden, die seinem Körper zugefügt werden. Er ist nämlich einer, der gefoltert hat und jetzt selbst gefoltert wird. Ein Puppenspieler, der selbst zur Marionette wird. Ein Amerikaner, der aber von seiner Heimat getrennt lebt – so wie von seiner Exfrau. Mit seinem schwarz gefärbten Haar wirkt DiCaprio manchmal selbst wie ein Gotteskrieger – ein Gotteskrieger ohne Gott. Dabei schaut er oft, während er sein schmutziges Kriegsgeschäft vollbringt, in den Himmel. Ganz weit oben nämlich blitzen im Sonnenlicht die AWACS-Aufklärungsflugzeuge auf, die minutiös jede kleine Bewegung von Roger Ferris am Boden verfolgen, aufzeichnen und an seinen Vorgesetzten Ed Hoffman nach Amerika weiterleiten.

Vielleicht ist dieser CIA-Mann Ed Hoffman der »Gott« von Roger Ferris. Aber dann ist er ein zwielichtiger und spießiger Gott. Ed Hoffman wird gespielt von Russell Crowe als übergewichtiger amerikanischer Familienvater, der über Handy die geheimen Winkelzüge der US-Politik leitet, während er seinen kleinen Jungen in die Schule bringt. Crowe spielt auf beeindruckende Weise einen amerikanischen Falken ohne Charisma, einen Geheimdienstler ohne Mysterium. Manchmal glaubt man sogar, er sei eine Figur aus einer Screwball-Komödie à la »His Girl Friday«, der Roger Ferris, seinen Mann für alle Fälle, in waghalsige Unternehmungen hetzt. Sein Wahlspruch, der alle Skrupel beseitigt: Niemand in diesem Krieg zwischen Islamisten und westlicher Welt sei von Anfang an unschuldig.

Ferris und Hoffman versuchen, einen Terror-Scheich namens Al-Saleem, der für Bombenanschläge in Europa verantwortlich ist, dingfest zu machen. Um dieses Phantom aus der Reserve zu locken, entwickeln sie ein Netz aus Täuschungen. Sie machen aus unbescholtenen Arabern Strohmänner, die schnell zu Kanonenfutter für Al-Saleem werden. Während dabei Roger Ferris die Lügen und ihre Konsequenzen gleichsam am eigenen Körper erlebt (der zweideutige Originaltitel lautet Body of Lies), bleibt Hoffman ein distanzierter, zwischen Pragmatismus und Zynismus schwankender Regisseur der Intrigen.

Schließlich kommt ein dritter Mann ins Spiel: der jordanische Geheimdienstchef Hani, der im Grunde mit den Amerikanern zusammenarbeiten will. Wie die Figur des Hani eingeführt und weiterentwickelt wird, darin zeigt sich Ridley Scotts Kunst der Inszenierung. Es ist ein Spiel mit den Erwartungen und Vorurteilen der Zuschauer – als sei das Filmemachen selbst nichts anderes als ein Spionagejob. Hani, von Mark Strong verkörpert, wirkt anfänglich trotz oder gerade wegen seines guten Aussehens und seiner eleganten Erscheinung ein wenig schmierig und unzuverlässig. Wenn er Freundschaft und Aufrichtigkeit beschwört, denkt man an Doppelbödigkeit und Bedrohung. Er ist zu Beginn die Knallcharge eines arabischen Kämpfers, dann wird er zum gefährlichen Mitspieler mit sympathischen Zügen. Man könnte sich unter Umständen gar eine Freundschaft zwischen ihm und Ferris vorstellen wie die zwischen Claude Rains und Humphrey Bogart einst in Casablanca.

Das macht den Suspense von Scotts Film aus, der auf einem Roman des »Washington Post«-Kolumnisten David Ignatius beruht: ob Ferris seinem Chef oder dem Jordanier vertrauen kann. Scott, der sich bereits in »Black Hawk Down« und »Kingdom of Heaven« mit dem Verhältnis des Westens zur islamischen Welt befasst hat, lässt eine skeptische Zuneigung zum Nahen Osten erkennen: Der Figur des jordanischen Geheimdienstchefs gesteht er das Geheimnis der Ehrlichkeit zu.

DiCaprios gebrochenem Ich bleibt zuletzt ein Quantum Trost in der Liebe zu einer arabischen Krankenschwester. Erlösung gibt es erst, als er von den Bildschirmen der CIA verschwindet und wirklich untertaucht im Dickicht von Amman.

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