Kritik zu Der Biber

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Jodie Foster inszeniert die Selbsttherapie eines Depressiven als Mischung aus Drama, Komödie und Thriller, mit Mel Gibson in der menschlichen und tierischen Hauptrolle

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Wenn psychisch labile Männer enge Beziehungen zu Handpuppen pflegen, so bedeutet das meist nichts Gutes. Die Filmgeschichte kennt genug abschreckende Beispiele, etwa Michael Redgrave im Episoden-Horrorfilm »Traum ohne Ende« von 1945, Anthony Hopkins in »Magic – Die Puppe des Grauens« von 1978 oder vor wenigen Jahren erst Norman Schenk in dem kleinen deutschen Thriller »Narrenspiel«. All diese kauzigen Bauchredner verloren ihre Persönlichkeit an die Puppen-Alter-Egos und stürzten in Wahnsinn und Verbrechen. Die Puppen wollten nicht spielen, sie wollten herrschen.

Wie anders scheint da der Biber zu sein: Er ist da, um Walter Black zu helfen. Und Hilfe hat die Hauptfigur von Jodie Fosters erster Regiearbeit seit 16 Jahren auch dringend nötig. Mel Gibson, selbst ausreichend krisenerprobt und durch seine jüngsten Eskapaden Auslöser für eine mehrmonatige Startverschiebung dieses Films, spielt den schwer depressiven Familienvater. Wie ein Toter geht er durch sein Leben, kraftlos, hoffnungslos und anscheinend auch vollkommen therapieresistent. Mit der Spielzeugfirma, deren Geschäftsführer er ist, geht es bergab, und seiner Frau (Jodie Foster) und den beiden Söhnen (Anton Yelchin und Riley Thomas Stewart) ist er längst entfremdet. So nimmt er auch die Trennung willenlos hin – wie er eben alles nur noch hinnimmt. Doch dann findet er eine weggeworfene Handpuppe in Gestalt eines Bibers, die eine seltsame Anziehungskraft auf ihn ausübt. Eine Art freundliche Übernahme geschieht: Der Biber an seiner Hand übernimmt das Kommando und weckt Walter aus seiner Lethargie. Er spricht – im Original von Gibson selbst großartig prononciert – durch ihn und für ihn und beginnt sein Leben und seine Beziehungen aufzuräumen. Trotz der anfänglichen Irritation seiner Umwelt findet Walter über die bizarre Symbiose mit dem Tier zu neuem Leben, zu Freude und Tatkraft. Der Biber ist von nun an sein besseres Ich.

Doch dies ist kein »fantastischer« Film wie etwa Henry Kosters »Mein Freund Harvey«, in dem ein großer, unsichtbarer Hase dem schrulligen James Stewart zur Seite stand. Walters neuer Freund ist kein Biberdoktor aus dem Geisterreich, sondern eindeutig ein Spaltprodukt seiner Persönlichkeit. Mit der unterschwelligen Unheimlichkeit dieser Entwicklung spielt Jodie Foster eine ganze Weile, bis irgendwann die scheinbare Heilung ihre erschreckenden Nebenwirkungen zeitigt. Doch die wahrlich abstruse Geschichte inszeniert sie durchweg zurückhaltend und einfühlsam, stets nah an den Protagonisten, nur immer wieder von Ironie und bizarrem Humor gebrochen.

Die widerstreitenden Aspekte von Depressions- und Familiendrama, Identitätskomödie und Psychothriller drohen den Film leider zu zerfasern. Dass der sprechende Biber etwa von Walters Angestellten so einfach als neue, verbesserte Version ihres Chefs akzeptiert wird und – mit Biberspielzeug! – die Firma zu neuen Erfolgen führt, sorgt für abseitige Komik, beißt sich aber mit dem Ernst, den der Film der Familiendynamik widmet. Recht konventionell schildert Foster, wie Walters Frau Meredith von seiner Veränderung zunächst alarmiert ist, dann aber seine eigenwillige Selbsttherapie zu akzeptieren versucht. Sie gibt der Ehe, jetzt zu dritt, eine neue Chance, bis sie schließlich erkennen muss, dass sie hinter dem Biber ihren Mann nicht mehr finden kann. Ebenso ernsthaft werden die Konflikte des älteren Sohnes beleuchtet, der in seinem Vater vergeblich ein Vorbild sucht und sich wütend von diesem Freak abwendet. Lichtblick in diesem Handlungsstrang ist vor allem der Love interest des Jungen: Jennifer Lawrence, die Hauptdarstellerin von »Winter's Bone«.

Hin- und hergerissen zwischen der Lust am Abstrusen und der ernsten Auseinandersetzung mit Depressionen und ihren familiären Auswirkungen hat dieser Film wie seine Hauptfigur eine gespaltene Persönlichkeit – doch das gibt ihm einen eigenen Reiz. Stark und sehenswert ist »Der Biber« immer dann, wenn Mel Gibson aufspielen darf, denn das tut er glänzend und facettenreich, erregt Mitleid und Lachen, Unbehagen bis hin zum Schrecken. Und viel Sympathie für diesen traurigen weirdo Walter Black, der aus dem Dunkel seiner Verzweiflung tritt und dann im Schatten eine Biberpuppe zu verschwinden droht.

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