Kritik zu Das Wochenende

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Alte Geschichten, neue Gegenwart: Nina Grosse verfilmt Bernhard Schlinks Roman über einen ehemaligen RAF-Terroristen, der aus langer Haft entlassen ein erstes Wochenende mit Freunden und Familie verbringt

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Im Jahr 2008 wurde das RAF-Führungsmitglied Christian Klar nach 26 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. Während noch heftig um das Für und Wider der Ablehnung seines Gnadengesuchs durch den damaligen Bundespräsidenten Köhler debattiert wurde (das dieser schließlich doch unterschrieb), veröffentlichte der Schriftsteller und Jurist Bernhard Schlink eine literarische Fantasie über die erste Begegnung eines Ex-RAF-Sträflings mit der fremdgewordenen Welt draußen. Sein Gedankenmodell: Ein abgedankter, durch eine Krebserkrankung impotenter Exrevolutionär trifft auf etablierte Zeitgenossen. Der aus der Zeit gefallene politische Betonkopf kollidiert mit etablierten Wohlstandsbürgern, die mehr an ihren Glückstrieben, Neurosen und Geschichtsmystifizierungen als an der Parole »Der Kampf geht weiter!« interessiert sind.

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»Das Wochenende«, Nina Grosses Film nach Bernhard Schlinks gleichnamigem Roman, entschlackt dessen verschlungenes prätentiöses Gruppenporträt entschieden. Ihre schlüssige Bearbeitung will keine voyeuristische Doku-Fiction über Christian Klar sein, obwohl Ähnlichkeiten mit Topoi der RAF-Geschichte nicht zufällig sind. Kompakt konzentriert auf die Zeitspanne der ersten 48 Stunden im neuen, nicht begriffenen Leben des Haftentlassenen, lässt der Film dessen gepanzertes Ego auf Fremde und Fremdgewordene treffen, die er des Verrats verdächtigt, verachtet und kränkt. Die entscheidendste der vielen geänderten Akzente des Drehbuchs im Vergleich zum Roman: Der Ex-RAF-Mann Jens Kessler (Sebastian Koch) wirkt nicht durch Alter, Haft und Krebs demontiert und kastriert. Einer wie er könnte »anschlussfähig« an die überkomplexe Gegenwart sein, wenn sich an diesem Schlüsselwochenende etwas in ihm bewegt. Tina (Barbara Auer), die mütterliche Schwester und älteste Vertraute Kesslers, kann sich das erste Wochenende mit dem Bruder auf dem Land nur vorstellen, wenn Inga (Katja Riemann), Kesslers Exfrau und Mutter seines Sohnes Gregor (Robert Gwisdek), sie durch einen Besuch unterstützt. Inga, eine erfolgreiche Literaturagentin, zögert zunächst, wird aber von ihrem Ehemann, dem selbstsicheren Geschäftsmann Ulrich (Tobias Moretti), aus Neugier auf die vergangene Geschichte seiner Frau überredet. Auf dem Weg zu einem Rügen-Kurzurlaub will man in Tinas halb restauriertem altpreußischen Landhaus für eine Nacht vorbeischauen. Auch der gemeinsame Jugendfreund Henner (Sylvester Groth), einst mehr als nur ein Sympathisant, heute ein Bestsellerautorausgerechnet mit einem Buch über die RAF, stößt zu der kleinen Runde hinzu.

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Nina Grosses Inszenierung der Tisch- und Küchenszenen in dem schattigen alten Haus gelingt ein spannendes Wechselspiel der brüchigen Stimmungslagen. Freundliche WGAtmosphäre kippt in scharfe Wortwechsel, sonniges Herbstlicht draußen konkurriert mit dem schattigen Helldunkel der Innenräume, im Offenen wie in den intimeren Zwiegesprächen nimmt der Kollisionskurs Fahrt auf.

Sebastian Koch gibt dem Exguerillero mit schauspielerischem Understatement die Kontur eines In-sich-selbst-Verschlossenen, der aber in dieser weichen Situation plötzlich das alte Alphatier in sich entdeckt. Er will wissen, wer ihn verraten hat, und lässt die kritische Abrechnung mit der Strategie des bewaffneten Kampfes nicht zu. Die Haltung des Medienmannes Henner, »Du bist Pop!«, provoziert ihn ebenso wie das Verdikt von Ingas Mann, die einstigen Staatshasser der RAF hätten vom humanistischen Strafvollzug der BRD profitiert. Dazwischen Inga, der Katja Riemann gegen ihren Rollentyp die Züge einer Frau verleiht, die mit den unerledigten Gefühlen für den jungen Kessler konfrontiert wird. Doro (Elisa Schlott), ihre Tochter aus der Ehe mit Ulrich, ein wunderbar unbelasteter neugieriger Teenager, taucht auf und hängt sich schwärmerisch an den legendenumwobenen Revolutionär. Subtiler als der Roman weiß Nina Grosse die Begegnungen des Mädchens mit dem »Star« für ihren Film zu nutzen: Dessen Verschlossenheit löst sich in kaum merklichen Reaktionen.

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Das Wochenendarrangement der besorgten Schwester explodiert in dem Moment, in dem Doro ihren Halbbruder Gregor heimlich informiert und den zornigen jungen Mann auf die Spur seines gehassten Vaters setzt. Seine Geschichte, seine Konfrontation mit dem Alten, der den militanten Kampf wichtiger fand als sein Kind, ist der dramatische Kern des Films.

»Das Wochenende« stellt die brisante Frage noch einmal, wie sich das Private und das Politische wechselseitig bedingen. Packend zu sehen, dass die Unerbittlichkeit des Sohnes der seines Vaters gleicht. Doch der Film hält ein Ende bereit, das in Blicken, Gesten und Andeutungen dafür plädiert, dass die Gäste dieses Treffens einander auf Augenhöhe zu begegnen gelernt haben. Ohne Gewalt übrigens.

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