Kritik zu Das Land der Heiligen – La terra dei santi

© Kairos

Fernando Muraca erzählt von den Zwängen eines Frauenlebens in der kalabrischen 'Ndrangheta

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Immer wenn man denkt, man habe nun schon genug Filme über mafiöse Verstrickungen in Italien gesehen, gibt es doch wieder einen Regisseur/eine Regisseurin, der/die alles anders macht und damit die Aufmerksamkeit neu weckt. Fernando Muracas »Das Land der Heiligen« ist so ein Film. Sein größter Trumpf ist die Schauspielerin Daniela Marra, die Assunta verkörpert, eine auf den ersten Blick durchschnittlich scheinende und doch den Zuschauer augenblicklich fesselnde Frau in Kalabrien. Assunta hat offenbar früh geheiratet, sie selbst ist kaum Mitte dreißig, ihr ältester Sohn aber schon siebzehn. Sie hat noch ein kleineres Kind, einen Siebenjährigen.

Aber es ist nicht das Muttersein, das aus Assunta eine völlig von der Familie bestimmte Frau macht: Es ist ihre ältere Schwester Caterina (Lorenza Indovina), die mit einem 'Ndrangheta-Boss verheiratet ist. Der kann einfach anordnen, dass die junge Witwe (Assuntas Mann ist dem Bandenkrieg zum Opfer gefallen) nun gefälligst ihren Schwager Nando (Francesco Colella) zu ehelichen hat. Und Assunta kann noch so feurig dagegen argumentieren, es passiert alles wie befohlen, einschließlich des ersten Kusses, den Assunta ihrem Bräutigam vor den Augen des »capo« geben muss. Daniela Marra verleiht dieser im eigenen Leben wie gefangenen Frau nicht nur ein zum Widerspruch neigendes Temperament, sondern auch die Intelligenz, die Aussichtslosigkeit des eigenen Standpunkts zu erkennen. Assunta fügt sich, nicht, weil sie es nicht besser weiß, sondern weil sie die – für sich und ihre Söhne – vernichtenden Folgen eines Widerstands richtig einschätzt.

Vittoria (Valeria Solarino) ist Assuntas perfektes Gegenstück auf der anderen Seite des Gesetzes. Als Richterin ist sie nach Kalabrien gekommen, um gegen die 'Ndrangheta zu ermitteln. Dass man ihr immer wieder sagt, sie verstünde eben nicht, wie die Dinge hier so liefen, scheint sie in ihrer Eigenwilligkeit noch zu bestärken. Auch Valeria verbindet Mut und Temperament mit einem glasklar denkenden Verstand, der sie die gesetzten Einschränkungen und Hindernisse deutlich sehen lässt. Aber im Unterschied zu Assunta kann Vittoria frei über ihr Leben bestimmen; sie könnte auch weglaufen, zurück nach Norditalien. Aber dann fällt ihr doch wieder eine neue Strategie ein, um die Verdächtigen zum Reden zu bringen.

In Fernando Muracas Film stehen zwar die Frauen im Vordergrund, aber gegenläufig zum Klischee geht es hier nicht vor allem um Gefühle. Die weibliche Per­spektive ermöglicht einen erweiterten Einblick besonders in die Zwänge, die mit dem Mafialeben einhergehen. Und tatsächlich ist es so, dass die Gefühle, sei es die schwesterliche Liebe zwischen Assunta und Caterina oder die Liebe zwischen Mutter und Söhnen, sich unter diesen Zwängen aushöhlen oder in etwas anderes verwandeln. Wenn am Ende Assunta ihr Gespräch mit Vittoria mit den Worten beginnt: »Ich kann Sie nicht ausstehen«, dann ist es die Echtheit und Tiefe dieser Empfindung, die aus den beiden Frauen Verbündete macht.

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