Kritik zu Cinema Jenin

© Senator

2012
Original-Titel: 
Cinema Jenin
Filmstart in Deutschland: 
28.06.2012
L: 
106 Min
FSK: 
6

In der palästinensischen Stadt Jenin traf der Dokumentarfilmer Marcus A. Vetter 2008 auf engagierte Palästinenser, die ein verlassenes Kino als Kulturzentrum wiederaufbauen wollten

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Jenin, das eines der größten palästinensischen Flüchtlingslager beherbergt, war 1987 während der zweiten Intifada Schauplatz schwerer Kämpfe. Das Cinema Jenin, ein urbaner 60er-Jahre-Bau, der einst die üppige Filmkultur der Region repräsentierte, war dabei weitgehend zerstört worden. Knapp zwanzig Jahre nach dem Aufstand gegen die israelische Besatzung wollte der verzweigte Besitzer-Clan nicht mehr investieren, das Gebäude war nur noch eine staubige, von Taubendreck übersäte Ruine.

Marcus Vetter drehte 2008 Das Herz von Jenin, in dem Ismael Khatib, der Vater eines von israelischen Soldaten in Jenin getöteten Kindes vorgestellt wurde. Khatib hatte die hoch brisante persönliche Entscheidung getroffen, die Organe seines zehnjährigen Sohnes auch kranken israelischen Kindern zu spenden. Sein Mut zur Versöhnung nahm den deutschen Filmemacher auch für Khatibs Traumprojekt ein, das zerstörte Kino als Ort eines humanen zivilen palästinensischen Widerstands neu zu beleben.

Cinema Jenin schildert die tour de force, mit der das multinationale, von vielen Helfern unterstützte, gleichwohl permanent bedrohte Gemeinschaftsunternehmen bis zur Eröffnung 2010 in die Tat umgesetzt wurde. Den Takt gibt dabei die Aufzeichnung der Sanierung und technischen Neuausstattung an. Temporeich erzählt der Film, wie zusätzlich ein Guesthouse und eine Open-Air-Bühne mit Garten entsteht. Die enthusiastische Zuversicht, mit der einheimische und auswärtige Helfer und Spezialtechniker arbeiten, teilt sich unmittelbar mit. Neben dieser plastischen Geschichte ist Vetters Film aber auch ein Protokoll schwierigster Verhandlungen, Debatten und Bittstelleraktionen, mit denen der Projektleiter Fakhri Hamad und der Filmemacher versuchen, ihr Vorhaben durch die verworrene Situation zu lotsen. Die Besitzer zögern die Unterzeichnung der Verträge hinaus, die Autonomiebehörde tut sich mit der Zahlung zugesicherter Fördergelder schwer, Kontakte zu deutschen Stellen in Jerusalem werden durch die israelischen Grenzkontrollen erschwert.

Konfrontationen mit den Hardlinern des palästinensischen Widerstands einerseits und jüdischen Israelkritikern andererseits machen den schmalen Handlungsspielraum anschaulich. Kino und Filmemachen, zumal ohne Geschlechtertrennung, sind den Konservativen ein Dorn im Auge. Der Angriff Israels auf Gaza weckt Ismael Khatibs Trauma, er zieht sich deprimiert zurück. Juliano Mer Khamis, der charismatische Leiter des Freedom Theater in Jenin, ruft die Kinoaktivisten auf, nicht zu Handlangern der »Normalization« zu werden. Während der Montage des Films wird der streitbare Kämpfer für einen gemeinsamen palästinensisch-israelischen Staat im April 2011 von einem radikalen Palästinenser ermordet. Anschaulich zeigt Vetters Film, wie schmal der Grat zwischen Kultur und Politik in dem zerrissenen Land ist.

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