Kritik zu Capernaum – Stadt der Hoffnung

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Ein Junge, der seine Eltern vor Gericht bringt, weil sie ihn auf die Welt gebracht haben? – In Libanons Einreichung zu den Oscars der surreale Aufhänger für ein Drama von harschem Realismus

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Wie alt er genau ist, weiß keiner, vielleicht zwölf, schätzt der Arzt. Trotzdem ist Zain im Gefängnis gelandet, wegen eines schrecklichen Verbrechens, wie es heißt. Was genau er getan hat, wird erst gegen Ende des Films ganz enthüllt, obwohl es sich aus den Rückblenden, in denen Zains Geschichte aufgerollt wird, bald selbst erklärt. Es ist eine der Schwachstellen in der Konstruktion von »Capernaum«, dass er um diese Offensichtlichkeit lange herumgeheimnisst. Die andere ist die allzu didaktische Wendung, die der Film am Ende nimmt. Bis dahin und trotzdem entwickelt dieses Drama über eine Welt des Elends und ein System von Ausbeutung und Ungerechtigkeit aber eine erstaunliche emotionale Kraft.

Die Rückblenden zeigen, in welch erbärmlichen Verhältnissen Zain mit seinen Geschwistern in Beirut aufwuchs, in einer Bruchbude, mit Eltern, die sich nicht für ihre Kinder interessieren und den Kleinsten schon mal an die Kette legen, damit er nicht stört. Als sie eines Tages auch noch Zains geliebte kleine Schwester mit ihrem Vermieter verheiraten, hält Zain es nicht mehr aus und läuft davon. Seine Odyssee durch Beiruts Elendsviertel inszeniert Nadine Labaki mit dokumentarisch anmutendem Gestus. Die kindliche wie starke Hauptfigur erinnert immer wieder an die ebenfalls so oft auf sich gestellten Kinder des Neorealismus.

Wie bestürzend authentisch manche Szene von »Capernaum« wirkt, beruht dabei zu einem großen Teil auf den famosen Darstellern, die fast alle Laien sind. Besonders eindrucksvoll: der 2004 geborene Zain Al Rafeea in der Hauptrolle. Fiktion und Wirklichkeit verschwammen beim Dreh bisweilen, so wurde Yordanos Shifera, im Film wie in der Realität eine junge äthiopische Immigrantin, während der Dreharbeiten als illegale Einwanderin verhaftet – genau wie ihre Filmfigur Rahil, die Zain bei sich aufnimmt und ihn eine Weile trotz eigener Armut so etwas wie ein Familienleben mit Nähe und Liebe kennenlernen lässt. Als Rahil aber eines Tages nicht nach Hause zurückkehrt, nimmt Zains Schicksal eine weitere dramatische Wende: Er muss zusätzlich Verantwortung für ihr zurückgelassenes Baby übernehmen.

Die Inszenierungskunst von »Capernaum« besteht nicht einfach im Abfilmen lebensnah gestellter Situationen mit gut gecasteten Darstellern. Sechs Monate Drehzeit und 520 Stunden gedrehtes Material erzählen von harter Arbeit und ausgiebigem Probieren, bis die Bilder und der Ausdruck stimmten. Der fertige Film entfaltet eine fiebrige Intensität in Szenen, die die Unberechenbarkeit, das Chaos – denn dies in etwa bedeutet das hebräische Wort »Capernaum« – und die Machtverhältnisse des Straßenlebens schildern. Jene Momente wiederum, die von Zains Träumen von einem besseren Dasein erzählen, und sei es nur ein Blick vom Riesenrad eines Vergnügungsparks auf das gar nicht so ferne, unendlich weite Meer, strahlen innerhalb von Sekunden von stiller Poesie. Diese Bilder tragen die nur zu berechtigte Anklage des Films gegen eine Welt, die so viel unsagbares Elend von Kindern zulässt, weit kraftvoller vor als das pathetisch-belehrende Schlussplädoyer.

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