Kritik zu Beziehungsweisen

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Ein »gespielter Dokumentarfilm«: Calle Overweg zeigt drei Paare in Therapie, wobei – nach wahren Begebenheiten – Schauspielern echte Psychologen gegenübersitzen, die professionell reagieren

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Ganze Fernsehformate leben davon, dass Intimitäten an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Die Enthüllung privater Beziehungen  ist (siehe gerade Bettina Wulff) zu einem Geschäftszweig für sich geworden. Doch auch bei eigentlich gutem Willen lässt sich im Bereich des Beziehungsmiteinanders dem Voyeurismus kaum entgehen. Was also tun, wenn man sich als verantwortungsbewusster Dokumentarfilmer für das Thema interessiert? Calle Overweg verfeinert für Beziehungsweisen eine Methode, die er schon bei seinem Film Das Problem ist meine Frau mit mindestens ebenso heiklem Sujet (hier ging es um gewalttätige Ehemänner) angewendet hatte und die er als »gespielten Dokumentarfilm« bezeichnet: Die Geschichten der insgesamt drei dargestellten Paarkonflikte hat er aus dem echten Leben bei Freunden und Bekannten in seiner Umgebung aufgesammelt. Doch verkörpert werden sie nicht von den »Betroffenen«, sondern von sechs professionellen Akteuren, die in den jeweiligen akut zugespitzten Krisensituationen dem Affen tüchtig Zucker geben dürfen.

Da sind Amelie und ihr Freund Heiko, der sie erst betrogen und dann beim Versöhnungssex geschwängert hat. Jetzt will sie abtreiben, er aber will das Kind. Hermann und Doro haben schon zwei kleine Kinder, er ist Drehbuchschreiber, sie arbeitet als Ausstatterin ebenfalls beim Film. Als sie sich erstmals nach den Schwangerschaften wieder intensiv beruflich engagiert, brechen vorher latent schwelende Konflikte in voller Schärfe aus. Dann verliebt sie sich auch noch in den Kameramann. Und Siegfried und Eva sind schon viele Jahrzehnte eher unglücklich miteinander verheiratet, als lange Verdrängtes durch einen Selbstmordversuch an die Oberfläche kommt. Durchaus melodramentauglicher Stoff also, den Overwegs nüchterne Versuchsanordnung höchst virtuos durch drei Ebenen konjugiert. Erstens: Eine Paartherapie, in der die Paare uns und dem Psychotherapeuten ihre Lage erläutern und im – improvisierten – Gespräch Rede und Antwort stehen. Zweitens: die Inszenierung einzelner Schlüsselsituationen in kontra-naturalistischer, an Brechts episches Theater oder das Setting von Lars von Triers Dogville erinnernder Manier, die sich in einem sichtbaren Studio auf wenige wesentliche Requisiten (Auto, Sofa, Tisch) beschränkt – begleitet von einem kunstvoll arrangierten Soundtrack. Auf einem dritten Level begibt sich der Filmemacher auf die Metaebene des Making-of und zeigt den Aufbau des Filmsets selbst und einige kurze Episoden, in denen er die Therapeuten und Therapeutinnen zu ihrer Arbeit befragt.

Die sind nämlich echt. Und es ist schade, dass Overweg ihren Reflexionen in seinem Film nicht so viel Raum gegeben hat, dass auch die psychotherapeutische Arbeit zu einem substanziellen – und damit ebenfalls zu hinterfragenden – Thema des Films wird und nicht im Affirmativ-Anekdotischen bleibt. Das ist aber der einzige Einwand gegen diesen klug konzipierten und bis ins Detail stimmig und erfreulich uneitel realisierten Film, der das Reden über Gefühle einmal ganz ohne den üblichen Beziehungsfilmballast auf die Leinwand bringt.

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