Kritik zu But Beautiful

© Pandora Film Verleih

Erwin Wagenhofer ist mit wirtschafts- und konsumgesellschaftskritischen Filmen wie »Let's Make Money« und »We Feed the World« bekannt geworden und unter den österreichischen Dokumentarfilmern seit Jahrzehnten eine feste Größe. Nun wenden er sich den »guten Beispielen« zu

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Sechs Jahre nach seinem »Alphabet« schließt Erwin Wagenhofer an die dortige Beschäftigung mit dem Lernen im Kapitalismus an. Protagonist von »But Beautiful« ist unter anderem Bunker Roy, der 1972 im indischen Rajasthan das preisgekrönte Barefoot College mitgründete, ist ein Pionier alternativer Bildungskonzepte. Hier werden vor allem Frauen aus ärmsten Dörfern (nicht nur in Indien) zu Solartechnikerinnen ausgebildet – und dann wieder auf das Land gesandt, um dort auch als Multiplikatorinnen für die autarke Versorgung mit Licht und Energie zu sorgen. Das schafft auch mehr Respekt für die Frauen selbst, die Roy für die zukünftigen »Changemaker« der Erde hält.

Das wäre ein Filmstoff für sich, ist aber nur einer und vielleicht der interessanteste von vielen Schauplätzen dieses Films. Denn Wagenhofer will das große Bild. Und richtet nach der Bestandsaufnahme globaler Schäden (»Let's Make Money« und »We Feed the World«) nun den Blick auf Versuche zur Heilung in praktischer und geistiger Hinsicht. Dazu bringt er auf der Leinwand die in Öko- und Achtsamkeits-Dokus üblichen Leitmodelle in einem Film zusammen – und dazu drei MusikerInnen, deren Auftritte und Aussagen den Film strukturieren und den Soundtrack großflächig bespielen.

Es treten auf: Ein Schweizer Paar, das auf den Kanaren durch Raubbau verwüstetes Land naturgerecht wiederbelebt. Ein österreichischer Förster und Baumflüsterer, der als Holzfabrikant auch ökologisch einwandfreie Mehr-Schicht-Dämm-Bauplatten herstellt. Bienen und Ziegen. Und einmal wieder auch der Dalai Lama als ewig heiterer Gewährsmann spiritueller Erweckung, der bei einer Tagung mit Wissenschaftlern menschliche Zuwendung und Abwendung vom Materiellen beschwört. Auch seine Schwester Jetsun Pena propagiert die wesentliche Bedeutung mentaler Erhebung für Weltzustand und persönliches Glück.

Wagenhofer lässt die Menschen aus dem Off oder im Bild selbst sprechen. Dabei reicht das Spektrum der Haltungen vom kollektiven praktischen sozialen Engagement am Barefoot College bis zum innerlichkeits-satten Resümee des New Yorker Jazzpianisten Kenny Werner: »I can't change the world but I can change myself, so there's hope there«. Werners Musik hat das Zeug, solche Resignation ästhetisch zu relativieren. Doch die vorgestellten Personen und Positionen kommen im Film nicht miteinander zum Schwingen. Zu viel bleibt Behauptung und ist auch hinlänglich bekannt. Und die konkreten Situationen im verschneiten Wald oder in den Feldern über dem Meer sind oft schön oder erhaben anzuschauen. Sie tragen zum Verständnis aber wenig bei, weil der Film (etwa bei einem Besuch in Erwin Thomas Holzfabrik) zu kurz an den einzelnen Schauplätzen verweilt, als dass sich jenseits visueller Stimmungseindrücke etwas über Zusammenhänge erfahren ließe.

Vieles ist auch schon – besser – aus anderen Best-Practice-Filmen vertraut. Wenn die Schweizer Landwirte auf La Palma berichten, dass sie nun seit sechs Jahren autark in Permakultur wirtschaften können, bleibt das als Aussage abstrakt stehen – weckt aber die wehmütige Erinnerung an John Chesters Dokumentarfilm »Unsere große kleine Farm«, der die Bedeutung solcher Begriffe und die dahinterstehenden Prozesse sinnlich anschaulich werden ließ. In »But Beautiful« bleiben die Bilder vom Unkrautzupfen oder Bäumchenpflanzen Illustration.

Nur einmal, wenn die kolumbianische Sängerin Lucia Pulido ziemlich essenzialistisch davon spricht, »wir Frauen« sollten, statt männliche Stärke zu imitieren, »auf magische Weise feminin sein«, nutzt Wagenhofer die Kraft der Montage und setzt unter diese Aus­sage das Gesicht einer indischen Solarpionierin, die erzählt, wie sie gegen patriarchale Gewalt ankämpfen musste, um überhaupt arbeiten zu dürfen. Da brauchte sie Mut, magische Feminität half wenig. Von solchen argumentativ starken Stellen gibt es in »But Beautiful« zu ­wenig.

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