Kritik zu Bavaria – Traumreise durch Bayern

© Concorde

2012
Original-Titel: 
Bavaria – Traumreise durch Bayern
Filmstart in Deutschland: 
26.07.2012
L: 
92 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Joseph Vilsmaier filmt seine Heimat – diesmal mit Dokumentaraufnahmen und zum großen Teil aus der Luft. Dabei kommen Traditionslinien zum Vorschein, nicht immer nur die besten

Bewertung: 2
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Trachten und Blasmusik, Bier, das in Strömen fließt, und Kellnerinnen, die Maß auf Maß stemmen. Joseph Vilsmaier lässt zu Beginn seiner filmischen Liebeserklärung an seine Heimat wirklich kein folkloristisches Klischee aus. Im begleitenden Voice-over sagt er es selbst. So stellen sich Touristen und andere Fremde halt das Leben in Bayern vor: Der ganze Freistaat ist eine Wiesn, und das Oktoberfest endet nie. Die Wirklichkeit sieht zwar ganz anders aus, aber diese Bilder sind nun einmal zu einem (werbe)wirksamen Image geronnen. Also stellt sich Vilsmaier ihnen, um sie dann hinter oder noch treffender unter sich zurück zu lassen. Das ist zumindest das Versprechen, das seine Dokumentation ersteinmal bereithält.

Von einem Hubschrauber aus, an dessen Nase eine in ein schwarzes Karbongehäuse gehüllte Cineflex-HiDef-Kamera befestigt ist, ergibt sich ein ganz anderes Bild der Welt. Der Blick ist freier, und die Maßstäbe verschieben sich, zwischen Wirklichkeit und Werbung sowieso, aber auch zwischen Land und Stadt, Natur und Zivilisation. Zunächst fällt auf, wie klein die Städte doch wirken, und welch erhabenen Eindruck dagegen die endlosen Wälder und schroffen Bergmassive hinterlassen. Dann springen Muster und Formen ins Auge, etwa die meist leicht gebogenen (Straßen-) Linien der historischen Altstädte oder die mäandernden Läufe der Flüsse, an denen entlang die Ansiedlungen gleich Zwiebeln gewachsen zu sein scheinen. Zuletzt fällt der Blick schließlich auf einzelne Bauwerke, auf Kirchen und Schlösser, Paläste und Festungen, Stadien und Bergstationen.

Traditionen werden so sichtbar, zugleich scheinen aber auch Brüche und Widersprüche durch. Nur bleibt es letzten Endes bei Andeutungen. Schließlich nennt Joseph Vilsmaier seine Dokumentation nicht ohne Grund im Untertitel »eine Traumreise durch Bayern«. Für die Schattenseiten des Landes bleibt da nur wenig Platz. Einmal fliegt sein Hubschrauber zwar über das Gelände des ersten Konzentrationslagers des NS-Regimes, und auch der Adlerhorst bleibt nicht unerwähnt. Doch das war es dann auch schon. Mit Politik will sich Vilsmaier offensichtlich nicht weiter belasten. Die würde einen vielleicht auch sehr unsanft aus dem Traum wecken. Nur ist diese apolitische Haltung eben alles andere als unpolitisch. Und wenn er dann auch noch von der Großaufnahme eines Obdachlosen auf einen roten Ferrari schneidet, ist das keineswegs erhellend. Natürlich lassen sich so die sozialen Gegensätze im Münchner Stadtleben illustrieren. Allerdings bleibt diese Bilderfolge selbst ein Klischee, das jede tiefere Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit Bayerns negiert.

Es sind aber nicht nur Hannes Burgers keinen noch so platten Kalauer auslassende Texte und Vilsmaiers plakative Montagetechniken, die diese Traumreise gegen die Realität abschotten. Die Luftaufnahmen, die keinen Moment der Ruhe oder des Verweilens kennen, verleihen dem Film etwas Abstraktes. In gewisser Weise ist er den avantgardistischen Arbeiten Walter Ruttmanns näher als den meisten Naturdokus der vergangenen Jahre. Aber gerade diesen experimentellen Aspekt seines Projekts verleugnet Vilsmaier immer wieder durch seinen naiven Offkommentar und seine von jeder Reflexion freie Verherrlichung seiner Heimat.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns