Kritik zu Barfuss in Paris

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Das Komikerduo Abel & Gordon redet in seinem neuem Spielfilm mehr als in seinen drei vorherigen Filmen zusammen, bleibt aber seiner Spezialität treu, einer an Jacques Tatis und Buster Keatons Slapstick angelehnten Körperkomik

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Mit ihrem roten Haar, den knochigen Gliedmaßen und den eckigen Gesten ist die schüchterne Fiona ein Wesen von giraffenartiger Merkwürdigkeit und Grazie. Die kanadische Bibliothekarin reist überstürzt nach Paris, um ihrer Tante Martha beizustehen, die nicht in ein Altersheim gesteckt werden will. Doch bei Fionas Ankunft ist die leicht senile, aber vitale Tante bereits aus ihrer Wohnung ausgebüxt. Die tollpatschige Fiona, die bereits mit ihrem riesigen Rucksack in der Metro-Ticketschleuse steckengeblieben war, durchlebt bei der Suche nach Martha weitere Pannen und kippt etwa hinterrücks von der Brücke in die Seine. In einem Péniche-Restaurant begegnet die verstörte Kanadierin dem Clochard Dom. Der sorglose Hallodri findet erst Fionas Rucksack, dann verliebt er sich in sie und folgt ihr auf all ihren krummen Wegen.

Die Kanadierin Fiona Gordon und der Belgier Dominique Abel sind ein Komikerduo, das seit den 80er Jahren in seiner eigenen Liga spielt. Tati, Keaton, und Chaplin lauten die künstlerischen Koordinaten des Ehepaares, das mit seiner Theatercompagnie »Courage mon amour« weltweit auf Tournee geht. Seine Filme aber sind bisher noch Festivalgeheimtipps. Für seinen vierten wählte das in Brüssel lebende Ehepaar erstmals Paris als Bühne. Ihre neue Burleske erinnert in ihrer Farbästhetik an Aki Kaurismäki und in den schrulligen Details an Wes Anderson. Fiona gerät auf ihrer Odyssee auf den Friedhof Père Lachaise und kraxelt durch den Eiffelturm. Neben diesen touristischen Hot Spots werden mit Emmanuelle Riva in ihrer letzten Rolle und Pierre Richard außerdem zwei französische Filmikonen präsentiert. Gänzlich abseitig ist dagegen die unweit des Turms gelegene Île aux Cygnes, wo, vor einem Hochhaushintergrund, eine Kopie der Freiheitsstatue steht und der windungsreichen Fabel eine märchenhafte New York-Anmutung verleiht.

Das Füßeln zwischen Martha und ihrem alten Verehrer Norman ist allerdings glaubwürdiger als die Romanze zwischen Fiona und Dom. Überdies kokettiert die zwischen Klischee und Ironie schillernde Komödie mit all ihren Drolligkeiten und den zumindest für Filmliebhaber erkennbaren Vintage-Zitaten stellenweise ein wenig zu sehr mit ihrer avantgardistischen Hipness. Der Film überzeugt weniger als stimmige Geschichte denn durch wundervoll choreographierte und getimte Einzelszenen: Hier wissen zwei Theaterprofis genau, was sie tun. Besonders der Einfallsreichtum, mit der die Umgebung in die Possen der Darsteller einbezogen wird, ist hinreißend. Das Wechselspiel zwischen gehemmter Körperbewegung und aufgewühlten Emotionen entwickelt »melankomische« Intensität und hat, ähnlich den Interaktionen in den Stücken von Pina Bausch, etwas Tänzerisches. Daneben beweist die Inszenierung auch in den durchaus drastischen Gags rund um Tod und Sex ästhetischen Feinsinn – Gipfel der Erotik ist ein schwebendes Zelt – der tatsächlich an die Stummfilmära erinnert. Wenn die entschieden unniedliche, clowneske Fiona als erste Filmkomikerin auf den Spuren von Tati wandelt, ist diese Komödie bei aller Nostalgie-Seligkeit dagegen ganz modern.

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