Kritik zu Balkan Melodie

© Ventura Filmverleih

2012
Original-Titel: 
Balkan Melodie
Filmstart in Deutschland: 
07.02.2013
L: 
93 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Vom Meister der Panflöte zum Mysterium der »Voix Bulgares«: Der Schweizer Musikdokumentarist Stefan Schwietert begibt sich auf die Spur des Mannes, der zur Zeit des Kalten Krieges die Balkan-Volksmusiken im Westen populär machte

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Filmmusik ist eine heikle Sache: Bisher musste man schon Quentin Tarantino heißen, um sich (für Kill Bill) bei Gheorghe Zamfirs (von James Last komponierten) Gejaule vom »einsamen Hirten« bedienen zu können und trotzdem ernst genommen zu werden. Stefan Schwietert hat jetzt einen anderen Weg gefunden, den Meister der Panflöte ohne Kitschverdacht auf die Leinwand zu bringen. Er hat ihn in einen Dokumentarfilm integriert. Nicht ihn allein, auch andere Künstler aus Rumänien und Bulgarien kommen vor.

Gemeinsam ist ihnen außer der Leidenschaft für die Musik und der Balkanherkunft die Tatsache, dass sie von dem Schweizer Metallhändler und Musikliebhaber Marcel Cellier und Ehefrau Catherine entdeckt worden sind. Die Celliers stießen schon Anfang der 50er bei einer Balkanreise auf die dortigen Volksmusiken. Bald brachte Marcel von seinen Dienstreisen hinter den Eisernen Vorhang neben Kupfererzverträgen auch Aufnahmen der im Westen bis dato ungehörten Klänge mit: Tondokumente, die er sammelte, aber über Schallplatte, Radio und Tourneen auch öffentlich machte. So beförderte Cellier 1968 den jungen – staatlich ausgebildeten – Musiker Gheorghe Zamfir zum Weltruhm. »Le Mystère des Voix Bulgares« hatte er zehn Jahre fast unbeachtet im Programm, bevor der Chor im Weltmusikboom der 80er plötzlich auf Erfolgskurs ging. Mit Öffnung der Grenzen stellte Cellier seine Reisen ein, auch die materielle Basis vieler Musiker in den Volksmusikensembles begann zu bröckeln. Die Widersprüchlichkeit der realsozialistischen Kulturprogramme, die den Musikern sicheren Unterhalt gewährte, die Musik aber durch diese Professionalisierung ihrer alltäglichen dörflichen Praxis entfremdete, ist ein Schwerpunkt des Films.

Stefan Schwietert hat sich mit Musikdokumentationen unter anderem über eine Klezmer-Truppe (A Tickle in the Heart 1996) und Das Alphorn (2003) zwischen Schweizer Bodenständigkeit und Weltmusik bewegt, zuletzt mit dem Experimentaljodelfilm Heimatklänge 2008. Balkanmelodie schlägt gelungen die Brücke vom Schweizer Unternehmergeist zum sozialistisch geförderten Volksmusikschaffen. Schwietert folgtden Routen der Celliers und illustriert seine heutigen Reisen und Begegnungen immer wieder mit Archivbildern von Auftritten, TVShows und bezaubernden Amateurfilmschnipseln aus der untergegangenen ländlichen Welt hinterm Eisernen Vorhang. Gheorghe Zamfir, längst mit Cellier zerstritten, unterrichtet heute an einer Musikschule in Bukarest. Und auf dem Land hat der hereinbrechende Kapitalismus ganz neue Dynamiken kultureller Zerstörung freigesetzt. Der junge Musiker Aurelio Ionita hat die eigene Tradition erst über den Umweg westlichen Interesses an »authentischer Zigeunermusik« entdeckt und dann seine eigene Truppe gegründet, die »Mahala Rai Banda«, die erfolgreichtraditionelle Instrumentation mit funkigen Blechblaselementen amalgamiert. Viel Hoffnung gibt es trotz solcher Aufbrüche nicht: »Der Brunnen ist eingestürzt, das Pferd tot«, heißt es am Ende. So ist Balkanmelodie ein informativer und trauriger Film.

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