Kritik zu Alle Farben des Lebens

© Tobis

Was ist heute normal? Gibt es ein falsches Leben im richtigen? Gaby Dellals Transgender-Komödie wirft existenzielle Fragen auf, ohne seinen Charakteren schwere Konflikte aufzubürden

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Das Tempo ist selbstredend für jeden Film wichtig. Aber in diesem ist es nicht nur eine Frage des Erzählrhythmus, sondern selbst ein Thema. Rays Lebensgeschwindigkeit wird von seinem Skateboard vorgegeben; sie schlägt sich auch in seinem flinken Videotagebuch nieder. Das Tempo seiner Mutter Maggie folgt den Suchbewegungen der beginnenden Lebensmitte, und das der Großmutter Dolly von der Skepsis gegenüber der eigenen Lebensweisheit.

Es ist eine unkonventionelle Familie, die Gaby Dellals Film seinem Publikum vorstellt. Ray (Elle Fanning) wurde im Körper eines Mädchens geboren und will sich nun endlich einer Geschlechtsoperation unterziehen. Maggie (Naomi Watts) nimmt diesen Wunsch ernst, er erfüllt sie aber auch mit Sorge. Dolly (Susan Sarandon) lebt seit Jahrzehnten in einer glücklichen Beziehung mit der patenten Frances (Linda Emond) und schafft als Hausherrin eine Atmosphäre drakonischer Toleranz. Dank Rays Entschluss müssen die wohlig anarchischen Verhältnisse neu sortiert und erprobte Gewissheiten überdacht werden. »Warum ist ›normal‹ das neue Ziel«, fragt Dolly anfangs ratlos, »und nicht mehr ›authentisch‹?«

New York, das weiß man seit den frühen Komödien von Woody Allen und Paul Mazursky, ist ein vorzügliches Kinoterrain, um den Widerspruch zwischen Leben und Lebensstil auszuloten. Die britische Regisseurin erschließt sich dieses Biotop, in dem Aufgeschlossenheit und Freiheitsdrang zuweilen schwer in Deckung zu bringen sind, mit einem sacht frischen Blick. Sie hat sichtlich Freude an ihrer Drei-Generationen-WG, in der die Lebensalter zwar vorsichtshalber auf unterschiedliche Etagen verteilt, die Kapseln des Privaten aber durchlässig sind. Jeder hadert hier ein wenig mit dem eigenen Rollenbild , es finden lässliche Übergriffe in Erziehungsfragen statt, ein paar offene biografische Rechnungen müssen beglichen werden. Aber in diesem komfortablen, vage kreativen Milieu dürfen Reibereien vergnüglich und Verdrossenheiten ironisch bleiben. So kann der Film einen durchweg komödiantischen Ton anschlagen. Großzügig schreibt das Drehbuch jeder Hauptfigur mindestens eine denkwürdige Dialogpointe zu; die Versuche physischer Situationskomik wirken demgegenüber etwas angestrengt.

Die Auseinandersetzungen sind kurzatmig konstruiert, die Widerstände werden nicht vertieft, sondern aufgeschoben. Einem Film, dessen Charaktere sämtlich das Herz auf dem rechten Fleck haben, gebricht es naturgemäß an Konflikten. An deren Stelle müssen Komplikationen treten. Damit sie entstehen können, muss der Film das Haus verlassen. Ray braucht für die Operation auch die Zustimmung des leiblichen Vaters, der schwer zu finden ist und diese erst einmal verweigert. Insgeheim ist Maggie für diesen Aufschub dankbar; auch wenn er neue Anfechtungen bereithält. Hier droht der Film eine konservative Wendung zu nehmen (»Es wird Zeit«, meint Dolly, »dass wir wieder einen Mann in der Familie haben«), verliert seine Botschaft des Gewährenlassens aber nie aus den Augen. Alle Beteiligten durchlaufen Lernprozesse, über deren Ausgang nie ein Zweifel besteht. Sie finden nur in unterschiedlichem Tempo statt.

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