Kritik zu Alfons Zitterbacke – Das Chaos ist zurück

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Die Neuverfilmung der in der DDR beliebten Kinderbücher setzt auf ­Slapstickmomente

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Alfons ist der Größte. Erst zehn Jahre alt und schon Teilnehmer der europäischen Weltraummission. Gibt es im All ein Problem, hat er auch gleich einen Lösungsvorschlag parat. Aber dann ist er für einen Moment unaufmerksam und schon passiert die Katastrophe.

Glücklicherweise erweist sich die Anfangsszene dieses Films als ein Traum, einer, der sich dabei vom Wunsch- zum Albtraum wandelt. Alfons’ Interesse an der Weltraumfahrt jedoch ist echt, nicht umsonst besucht er das Sigmund-Jähn-Gymnasium, benannt nach dem ersten Kosmonauten der DDR. In seinem Bestreben alles richtig zu machen, unterlaufen ihm allerdings immer wieder Fehler, so schätzt er sich, wie er dem Zuschauer aus dem Off mitteilt, als »Pechvogel« ein.

Seine vermeintliche Unfähigkeit wird ihm immer wieder unter die Nase gerieben, vom fiesen Mitschüler Nico, der weiß, dass sich Zitterbacke wunderbar auf Hühnerkacke reimt, vom Lehrer Flickendorf, vom strengen Vater. Doch als Alfons’ Eltern nach einem neuen Zwischenfall zur Schuldirektion zitiert werden, stellt sich heraus, dass schon Alfons’ Vater einst ihr Schüler war: eine im wahrsten Sinne des Wortes schmerzhafte Erinnerung für sie, obwohl das damals mit den Reißzwecken auf ihrem Stuhl wirklich ein dummer Zufall war. Da muss der Vater seinem Sohn gestehen, dass er nicht der Musterschüler war.

Von »Anarchie« und »Subversivität« sprechen Regisseur und Produzenten in ihren Statements und erklären Alfons Zitterbacke zu einem deutschen Verwandten von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Alfons hat seine ganz eigenen Qualitäten, er ist ein fantasiebegabtes Stehaufmännchen, schwankend zwischen (übertriebenem) Selbstbewusstsein und (resignierenden) Selbstzweifeln. Auf jeden Fall ist er ein Plädoyer für Fantasie und Eigenheiten. Dafür steht auch das Eingeständnis der neuen Mitschülerin, dass jeder seine Macken hätte – sie sei nicht deshalb aus Berlin hierher zu Verwandten gekommen, weil ihre Eltern sich auf Weltreise befinden, wie sie anfangs vor der Klasse erzählt hatte, sondern weil das Jugendamt ihnen die ­Erziehungsgewalt entzogen hätte. Das ist ein kleiner hingeworfener Moment, der doch nachwirkt. Davon hätte man gern mehr gesehen, aber der Film setzt – nicht verkehrt im Hinblick auf das ganz junge Publikum – mehr auf Slapstick.

Dem originalen DEFA-Film, 1966 inszeniert von Konrad Petzold nach den Büchern von Gerhard Holtz-Baumert, wird Reverenz gezollt, nicht zuletzt, indem der damalige Alfons-Darsteller Helmut Rossmann hier in der Schlusssequenz einen Auftritt als Bratwurstverkäufer hat. Sieht man sich Petzolds Film an, so wird deutlich, wie sehr sich das heutige Erzählen an klassischen Erzählmustern orientiert, nicht zuletzt beim dramatischen Finale. Das gab es damals nicht, wie überhaupt der ganze Film eher episodenhaft erzählt war, während 2019 natürlich mit Spannungsbögen und viel Drehbuchstrukturkalkül gearbeitet wird.

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