Kritik zu 72 Stunden

© Studiocanal

2010
Original-Titel: 
The next three days
Filmstart in Deutschland: 
20.01.2011
L: 
122 Min
FSK: 
12

Ein unbescholtener Bürger entwickelt ungeahnte kriminelle Energie, um seine Frau aus dem Gefängnis zu befreien. Unter Regisseur Paul Haggis (»L.A. Crash«) tritt Russell Crowe bei diesem Remake eines französischen Thrillers an die Stelle von Vincent Lindon

Bewertung: 2
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Die Story ist ungewöhnlich, die Besetzung hervorragend, die Bilder sind stark – umso mehr wundert man sich. Zum Beispiel darüber, wie ein preisgekrönter Drehbuchautor so nonchalant jede Menge Ungereimtheiten und absurde Zufälle zusammenbastelt. Oder darüber, dass man schon bald in gepflegter Langeweile auf das Ende wartet, ohne wirklich wissen zu wollen, wie es aussieht.

Regisseur und Autor Paul Haggis hat immerhin zwei Oscars für seine Drehbücher zu Eastwoods »Million Dollar Baby« und seinem eigenen »L.A. Crash« bekommen. Bereits Letzterer trug schwer an all den Botschaften, die er transportieren sollte. »72 Stunden«, ein Remake des französischen Films »Pour Elle«, leidet vor allem an der Vielzahl von Aspekten, die Haggis in seinem Thrillerplot beleuchten will, der für sich genommen spannend ausfallen könnte: Russell Crowe spielt den Englischlehrer John Brennan, dessen heiles Familienleben mit Frau Lara (Elizabeth Banks) und Sohn Luke jäh zerbricht, als Lara wegen Mordverdachts festgenommen wird. Zahlreiche Indizien sprechen gegen sie, und als nach drei Jahren alle juristischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleibt ihr keine Hoffnung auf Freiheit mehr. Doch John, von ihrer Unschuld überzeugt, entwickelt aus der Verzweiflung heraus den Entschluss, die Sache noch anders anzugehen – er plant den großen Coup, sie aus dem Gefängnis zu holen.

Die kriminelle Energie, die er dabei entwickelt, ist immens. Um alles niet- und nagelfest vorzubereiten, inklusive falscher Pässe für die Ausreise, begibt er sich tief in den Sumpf der Unterwelt. Dabei geht er dann sogar über Leichen und scheint auch keine Bedenken mehr zu haben, nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Frau und seines Sohnes bei der Befreiung aufs Spiel zu setzen. Hatte dieser Charakter etwa von Anfang an etwas Pathologisches? Warum versucht er statt dieser drastischen Maßnahmen nicht, den Mordfall aufzuklären? Wie einfach es wäre, seine Frau zu entlasten, zeigt nämlich das Ende des Films. Ohne hier zu viel verraten zu wollen: Die Schlichtheit der Auflösung ist lachhaft.

Freilich ist der kriminell agierende Professor als Filmfigur origineller als ein kriminalistisch forschender. Und ein paar in sich spannende Szenen gebiert die Konstruktion durchaus, doch da neben der Thrillerhandlung auch das Charakter- und Familiendrama Bedeutung haben sollen, zerstört sich der Film selbst. Ganz abgesehen von vielen Merkwürdigkeiten, die von Anfang an irritieren: Warum scheint sich etwa Lara kaum über den handtellergroßen Blutfleck auf ihrem Mantel zu wundern, sondern wäscht ihn so gleichgültig aus, als wäre es ein Möwenschiss? Sollen wir an ihrer Unschuld zweifeln?

»Du willst es zu sehr, du wirst es vermasseln!«, sagt Liam Neeson als Exknacki und Ausbrecherkönig zu Russell Crowe. Auch der Film legt leider allzu viel Gewicht auf zu viele disparate Elemente, die die Geschichte nicht tragen. Und der Kleister musikalischer Dauerberieselung kann die guten handwerklichen Einzelleistungen auch nicht mehr zusammenfügen. Schade, denn dass er kraftvoll erzählen kann, wenn er geradlinig erzählt, hat Paul Haggis bereits bewiesen.

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